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Sir Donnerbolds Bagatellen
SDB-Film


  • Verborgene Schönheit


    Jeder Plot hat eine Daseinsberechtigung. Jede Geschichte ist erzählenswert. Sie muss nur in einem angemessenen Kontext erzählt werden. Und selbstredend kommt es auf die Umsetzung an. Struktur, Tonfall, handwerkliches Können und künstlerischer Einfallsreichtum – diese Elemente prägen eine Geschichte viel stärker als der rudimentäre Plot. Selbstredend steckt in manchen Plots ein größeres, stärkeres Potential. Eine aus sich heraus strahlende, sich nahezu sofort aufdrängende Herangehensweise, die frisch und fesselnd erscheint. Der Plot von Verborgene Schönheit ist haarsträubend – und kann daher als Saatkorn für einen fiesen, feinen Film herhalten, der eine ungewöhnliche Story erzählt. Per se lassen sich die folgenden Zeilen also irgendwo zwischen neutral und reizvoll einordnen:

    Die Werbefachleute Whit Yardshaw (Edward Norton), Claire Wilson (Kate Winslet) und Simon Scott (Michael Peña) bangen um die Zukunft ihrer Firma: Ihr bester Freund und Vorgesetzter, Howard Inlet (Will Smith), ist seit dem Tod seiner Tochter vor wenigen Jahren depressiv, ja, nahezu katatonisch. Er weigert sich, zu reden, zu arbeiten oder mehr als das Nötigste zu essen. Um ihre finanzielle Zukunft abzusichern, wollen sie ein letztes großes Geschäft abschließen, bräuchten dafür jedoch eigentlich Howards Unterschrift. Da dieser aber weiterhin apathisch durch den Tag stapft, beschließen sie, die drei Laiendarsteller Amy (Keira Knightley), Raffi (Jacob Latimore) und Brigitte (Helen Mirren) anzuheuern. Sie sollen Howard gegenüber die Verkörperungen der Liebe, der Zeit und des Todes spielen und ihn so in den Wahnsinn treiben, damit er endlich als unzurechnungsfähig attestiert wird und Whit, Claire sowie Simon die Geschicke der Firma ohne ihn leiten können.

    Daraus ließe sich nach der Schule des ersten Kill the Boss-Teils eine schwarze Komödie spinnen. Oder ein Thriller, der zu ähnlich großen Teilen aus der Sicht des Opfers und der Täter erzählt wird – eine Art Gaslicht oder Das Haus der Lady Alquist fürs Jetzt. Oder ein beklemmender Mystery-/Psychothriller aus der Sicht des Opfers – inklusive gemeinem Plottwist, der dessen beste Freunde als Strippenzieher enttarnt.

    Stattdessen ist Verborgene Schönheit ein noch krasserer Fall narrativer, tonaler und inszenatorischer Fehlgriffe als die kurz zuvor veröffentlichte Sci-Fi-Liebesgeschichte Passengers, in der moralische Kurzschlussentscheidungen auf kitschigste, konventionellste Weise romantisiert werden. Allan Loebs Drehbuch platzt förmlich vor Glückskeksweisheiten und Kalendersprüchen, die Komponist Theodore Shapiro (Trumbo) mit durchaus wunderschönen, allerdings somit drastisch fehlleitenden Melodien untermalt. Knightley, Mirren und Latimore bieten diese Kitschphrasen in einem konsequent abgedroschenen Tonfall und mit weit aufgerissenen, staunenden Augen feil – und auch SPECTRE-Nebendarstellerin Naomie Harris muss als Trauerbegleiterin durchweg einen anbiedernd-belehrend-entzückten Singsang von sich geben.

    Will Smith wiederum spielt sich in den ersten vier Fünfteln des Films die Seele aus dem Leib – und das so sehr, dass er die hauchdünne Schicht an ehrlicher Emotionalität in dieser cineastischen Geschmacklosigkeit zum Zerreißen bringt. Wenn er als Howard mit verquollenen Augen und steinerner Miene in einem Gefühlsmix aus Wut und Trauer Dominosteine aufbaut oder Fahrrad fährt, agiert Smith so aufgesetzt und gewollt, dass es förmlich von der Leinwand runterbrüllt: „GEBT MIR ENDLICH DEN VERDAMMTEN OSCAR! BITTE!!!!!!!!!!!!“ Im letzten Fünftel hingegen rutscht Smith schlagartig in den Kamillentee-und-Seelenbalsam-Tonfall seiner Kollegen ab – damit auch ja niemand aufgewühlt den Saal verlässt.

    Kamerafrau Maryse Alberti (The Wrestler) kann mit ihren stimmig ausgeleuchteten Bildern leider nicht David Frankels Regieführung aushebeln. Der Regisseur solch deutlich gelungener Filme wie Marley & Ichund Der Teufel trägt Prada setzt den Stoff wie eine weihnachtliche, pseudophilosophische Spezialfolge einer 80er- oder 90er-Jahre-Sitcom um – inklusive mit im Kino versackenden Lachpausen, wann immer eine der Figuren einen schlagfertigen Spruch von sich gibt. Doch abgesehen von wenigen perfekt getimten, staubtrockenen Kommentaren Helen Mirrens oder der dauerverzweifelt agierenden Keira Knightley gibt es in Verborgene Schönheit nichts zum Lachen:

    Die Dialoge und der generelle Tonfall sind zu verkitscht-zuckrig, um den potentiell schwarzhumorigen Kern würdigen zu können. Im Gegenzug sind die Absichten von Howards Freunden zu abgebrüht, als dass sich dieser Story irgendetwas Inspirierendes abgewinnen ließe. Verborgene Schönheitist der noch hässlichere, noch stärker missratene und moralisch fragwürdigere junge Bruder des ebenfalls schon überaus kritischen Will-Smith-Pathosdramas Sieben Leben.

    Fazit: Eine Story, die in diversen Genres funktionieren könnte, doch niemals als inspirierend-philosophische Dramödie, wird mit nichtigen Alltagsweisheiten bespickt als ungeheuerlich bemühte, inspirierend-philosophische Dramödie ins Kino entlassen. Um die hier verborgene Schönheit zu finden, braucht es ein Hochleistungsmikroskop.



  • Meine 50 Lieblingsfilme des Jahres 2018 (Teil V)
    Vier hin, ein finaler Teil noch im Sinn: Lang habe ich euch warten lassen, aber nun sind wir endlich angekommen, in den Top Ten meiner Lieblingsfilme aus dem Jahr 2018. Aber ehe ich euch sage, welche Produktionen mein Filmfanherzen am meisten haben springen lassen spann ich euch noch ein letztes Mal mit Ehrennennungen auf die Folter: Da wäre der schön gespielte Die Farbe des Horizonts, in dem Sam Claflin und Shailene Woodley einen Mix aus realem Survivalabenteuer und Romanze erleben, die sehr knuffige übernatürliche Jugendromanze Letztendlich sind wir dem Universum egal, der unerwartet geradlinig ausgespielte Weltkriegs-Zombie-Actionhorror Operation Overlord, der gewitzte Streitfilm Der Vorname, das vielschichtige Gruseldrama Suspiria und der visuell beeindruckende, mit Metawitz aufwartende und inklusive, in der Action jedoch ermüdende und strukturell teilweise dann eben doch ins klischeehafte Schema F fallende und daher in meinen Augen nicht an den Hype heranreichende Spider-Man - A New Universe, der trotzdem mein liebster Animationsfilm 2018 ist. Tja. Eine Jahreslieblingsliste von mir, ganz ohne Animationsfilm. Schade. Aber 2018 hat mich kein Animationsfilm so richtig bezirzt. Umso mehr haben mich aber diese Filme in Verzückung versetzt:

    Platz 10: Greatest Showman (Regie: Michael Gracey)

    Greatest Showman fühlt sich an wie die zusammengestutzte, keinerlei Ruhe findende, auf die Höhepunkte reduzierte Videofassung eines Roadshow-Musicalfilms der 60er- oder 70er-Jahre an, die aus einem ausschweifenden Drei-Stunden-Klopper eine knackige 95-minütigen Wucht aus Musik und Kostümen formt. Eine sonderbare Feststellung, aber sie ist in diesem sehr spezifischen Fall vollauf aus Kompliment gemeint: Hugh Jackmans Passionsprojekt besteht allein aus Hits, aus Wendemomenten und aus ansteckender Spielfreude. Füllmaterial blieb durch und durch auf der Strecke, und wie der Film seine Stellung zur problematischen realen Person P.T. Barnum in einem Rausch aus Klang und Farbe zirkusmäßig und mit Showmanship verdreht, finde ich auf einer Metaebene sehr pfiffig. Der Film kommentiert diese Wendehalsmentalität ja sogar - und so bleibt geballtes Entertainment über.

    Platz 9: Schneeflöckchen (Regie: Adolfo J. Kolmerer und William James)

    Deutsches Kino, mal ganz anders: Schneeflöckchen ist ein dystopisch angehauchtes, pulpiges Rache-Metamärchen mit einer Geschichte in der Geschichte, einem poetischen Blutbad, albernem Humor, geistreichem Witz, flotter Situationskomik, durchgeknallten Situationen und dreckiger Action. Ein Film, wie es ihn im deutschen Filmbetrieb eigentlich nicht geben könnte, doch wundervoller und wundersamer Weise gibt es ihn! Geile Sache!

    Platz 8: Zombies - Das Musical (Regie: Paul Hoen)

    Ganz egal, ob man den Film nun als Disney Zombies, Z-O-M-B-I-E-S oder Zombies - Das Musical kennt: Dieser irre pastellfarbene, Retro-Ästhetik mit Industrial Chic und Dubstep-Elementen vereinende Fiebertraum von einem Disney Channel Original Movie ist der (vorläufige?) Höhepunkt in einer über ein Jahrzehnt andauernden Mutation der Disney-Fernsehfilmware. Seit High School Musical wird die Tonalität der Disney-Channel-Exklusivfilme campiger und campiger, und Zombies - Das Musical ist der denkwürdigste Beweis dafür, dass die Leute im Disney Channel anderes Wasser trinken als der Rest des Disney-Konzerns. Freundliche, aber von Vorurteilen und institutionalisierten Ungerechtigkeiten unterdrückte Zombies und gleichgeschaltete Heile-Welt-Grinsebacken gehen erstmals gemeinsam auf die selbe Schule, wo sich eine Standesgrenzen übergreifende Liebe anbahnt. Mit feistem, ironischem Lächeln im Gesicht, wonnig-amüsierten, campigen Songs, einer goldigen Meg Donnelly als Cheerleader mit Geheimnis und einem schlacksig-charmanten Milo Manheim als Zombie, der mit kleinen Schritten einen gesellschaftlichen Wandel voranbringen will, ist diese Disney-Fernsehproduktion wissentlich-albern, und dennoch ist sie mit respektabler Überzeugung umgesetzt. Schräg, niedlich, sonderbar, wunderbar!



    Poppige Klänge treffen Old-School-Musical-Naivität, Paul Hoen inszeniert wie ein Kenny Ortega, dem keinerlei Grenzen gesetzt werden, und es ist alles einfach so entzückend-zuckersüß-durchgeknallt! Ich liebe es und komm beim Gucken aus dem glücklichen Grinsen nicht mehr raus! Wenn ihr mich fragt: Das hier ist ein Glanzstück im modernen Disney-Schaffen, und das kann mir niemand ausreden!

    Platz 7: BlacKkKlansman (Regie: Spike Lee)

    Kommen wir von einem Film, in dem eine Rassenunruhe zu Gunsten eines feierlichen Tanzwettbewerbs mit aussöhnender Botschaft ausgesetzt wird, zu einem Film, den ich liebend gern auf einem Filmfestival im Double Feature mit Zombies - Das Musical programmieren würde, einfach nur, um meinen Schabernack mit dem Verstand des Publikums zu treiben. Denn was im Disney Channel noch putzig und mit gemäßigten Gefühlen sowie verqueren Analogien abläuft, gestaltet sich bei Spike Lee schon erschreckender, wirklichkeitsnaher, verständnisloser und zorniger: Regie- und Autoren-Legende Spike Lee haut mit dieser satirischen Kriminal-Thrillerdramödie ihren besten Film seit vielen Jahren raus und zeigt in BlacKkKlansman auf, wie tief verwurzelt Hass und Intoleranz in der US-Gesellschaft sind, wie schwer sie zu besiegen sind und dass sich in intoleranten Mobs noch so viele Dorftölpel befinden können: Sie bestehen auch aus verbitterten, stoischen Kämpfern und eiskalt berechnenden Demagogen sowie Populisten, was eine abartig gefährliche Mischung ergibt. Lee packt dieses Thema über die unglaubliche, irrwitzige Geschichte eines Schwarzen und eines Juden an, die den Ku Klux Klan unterwandern, würzt sie mit Situationskomik, Absurdität und satirischen Biss, mischt cineastische Kunstgriffe und Filmhistorienkritik darunter und verpasst dem ganzen dann noch ein Finale, bei dem es einem die Kehle zuschnürt. Sensationell.

    Platz 6: 303 (Regie: Hans Weingartner)

    Innerhalb weniger Minuten nachdem in der Pressevorführung das Licht aus- und der Projektor anging, habe ich gemerkt, dass ich mich in diesen Film verlieben werde. Und dieses Gefühl sollte sich nicht trügen: Regisseur/Autor Hans Weingartner und seine Ko-Autorin Silke Eggert haben in diesem Gesprächsfilm zwei sympathische, redselige Figuren erschaffen, denen wir während einer in dieser Form nicht geplanten Europareise zuschauen dürfen. 145 Minuten lang lernen wir Jule und Jan kennen, während sie diskutieren, zanken, sich necken, sich trösten und der Studierendenphilosophie frönen. Mit unwiderstehlichem Charisma und feinen mimischen Nuancen tragen Mala Emde und Anton Spieker diesen Film auf ihren Schultern und lassen uns an ihren Lippen kleben, während sie Weingartners und Eggerts ausgefeilte Dialoge von sich geben - und ich muss sagen: Ich hätte ihnen nochmal 145 Minuten lang zuhören können.

    Platz 5: I, Tonya (Regie: Craig Gillespie)

    Einmal Biopic in die Fresse, bitte! Craig Gillespie leiht sich ein paar Seiten aus dem The Big Short/American Animals-Regelbuch für Verfilmungen wahrer Begebenheiten und pfeffert uns eine laute, knallige, wütende, ratlose und bei all dem in ihren Zwischentönen noch immer sensible Auseinandersetzung mit der berühmten, der berüchtigten Eiskunstläuferin Tonya Harding um die Ohren. Die asthmatische, unangepasste, verbissen kämpfende, aus sozialschwachen Verhältnissen kommende Rockerin in ihrem Metier erfüllte alle Bedingungen für eine Aschenputtel-Geschichte - nur, dass sie den eingeschworenen Entscheidungsträgern im Eiskunstlauf zu unelegant, zu sorgenbelastet war. Allen Hindernissen zum Trotz kämpfte sie sich zu einigen Ehren im Sport ihrer Wahl durch - und doch ist sie für alle Zeiten vor allem für die Brecheisenattacke auf ihre Mitbewerberin Nancy Kerrigan bekannt. Wie widersprüchlich die Berichte über diesen Vorfall (und Hardings Leben generell) sind, führen Gillespie und Drehbuchautor Steven Rogers mit rotziger Attitüde vor, sie bürsten den Film so, dass er zu Hardings Persona passt. Und dennoch lassen sie Raum für Einfühlungsvermögen, geben der von Margot Robbie mit immenser Leinwandpräsenz und emotionaler Komplexität gespielten Harding die Chance, in einem stillen, nachhallenden Moment, den Medien einen Spiegel vorzuhalten. Spaßig, knallig und mit satirisch-dramatischer Raffinesse - I, Tonya rockt!

    Platz 4: Climax (Regie: Gaspar Noé)

    Mehr als 20 Menschen. Eine Turnhalle. Die letzte Probe vor der großen Tanztournee. Eine ausgelassene Feier. Sangria. LSD. Chaos bricht aus. Flackernde Lichter. Elektrisierende Musik. Streit. Panik. Eine Filmerfahrung mit immenser Sogkraft. Ein farbintensiver Rausch aus Klang und Bewegung, aus Elan, Wut und Furcht. Climax ist ein drogeninduzierter, zerstörerisch-vitaler Tanz hinein in tiefe Seelenabgründe. Ein diabolisch-sündhaftes Sehvergnügen.

    Platz 3: Assassination Nation (Regie: Sam Levinson)

    Wenige Augenblicke nach Beginn von Assassination Nation spricht Protagonistin Lily mehrere Trigger-Warnungen aus. Die Tonspur piepst und pfeift. In riesigen Lettern pfeffert uns Regisseur Sam Levinson in rapider Abfolge entgegen, was in den kommenden Filmminuten auf uns zukommt. Frauenhass. Mord. Versuchter Mord. Versuchte Vergewaltigung. Transphobie. Mickrige Männeregos. In Supernahaufnahmen zeigt Levinson, wovor er uns warnt. All dies eingebettet in einen rotzigen, genervten, aber kernig-charmanten Erzählkommentar. Von diesem Moment an wusste ich, dass Assassination Nation das Zeug dazu hat, ganz, ganz weit vorne in meinen Jahrescharts mitzuspielen. Und er hat abgeliefert: In stylischen Bildern und von markiger Musik begleitet, erzählt Assassination Nation von vier jugendlichen Freundinnen, die ein typisches Millennialleben leben. Sie werden von bigotten Vorstellungen ihrer Elterngeneration ausgebremst. Sie chatten, texten, sexten und streamen. Sie hinterfragen. Sie werden vorverurteilt, am laufenden Band. Aber sie machen sich ihr Leben schon schön. Jedenfalls, bis eine Welle an brisanten Leaks ihr Heimatdorf zum Kochen bringt. Assassination Nation ist ein messerscharf beobachtetes Porträt einer Teilgeneration, das sich ihr stilistisch vollauf hingibt – und nach und nach zu einer zornigen Satire wird, die oberflächlich die gefährlichen Tendenzen der sozialen Netzwerke auseinandernimmt. Aber das wahre Ziel dieser Satire ist die Doppelmoral der Vorgängergenerationen. Dieser filmische Ritt argumentiert komplex sowie intensiv – und stellt seinem jungen Publikum den Benzinkanister sowie eine Packung Streichhölzer hin. Doppelzünger des Westens, fürchtet euch!

    Platz 2: Avengers | Infinity War (Regie: Anthony & Joe Russo)

    Marvel Studios, die ewige Brautjungfer in meinen Jahrescharts. 2014 war ich nach der Sichtung von The Return of the First Avenger sicher, dass es mein Lieblingsfilm des Jahres sein wird. Dann kam Gone Girl und zog am Actionthriller der Russo-Brüder vorbei. 2016 legten die Russos den nicht minder gelungenen The First Avenger: Civil War nach, erneut war ich felsenfest davon überzeugt, dass es mein Favorit des Jahres ist und bleiben wird. Aber dann sah ich Ghostbusters - Answer the Call und war hin und weg. 2018 veröffentlichte Marvel Avengers | Infinity War, seinen bis dato monumentalsten Film. Ein Glanzstück des fesselnden Pacings, der minutiös strukturierten Actionnarrative, die starre Grundregeln aushebelt und andere Konventionen andeutet, um die Erwartungshaltung des Publikums listig zu lenken. Avengers | Infinity War ist zu gleichen Teilen ein bombastischer Katastrophenfilm im Comicgewand und ein filmgewordenes Rockkonzert der Superheldenaction. Ein gigantisches Figurenensemble spielt die Hits - und gleichwohl sehen wir eine diverse, eklektische Heldensammlung, wie sie mit aller Macht ein drohendes Unheil abzuwenden versucht. Das Ergebnis: Ein atemberaubendes Filmevent, dessen filmschaffendes Geschick deutlich größer ist, als es viele einem solchen Effektspektakel anzuerkennen gewillt sind. Und ich frage mich: Wenn schon Avengers | Infinity War nicht Gold für Marvel holt, werde ich jemals einen Marvel-Film bis zur Eins durchwinken - oder haben wir den Zenit erreicht?

    Platz 1: Anna und die Apokalypse (Regie: John McPhail)

    Wunderschöne Lieder. Liebenswerte Figuren. Fesches Augenzwinkern. Emotionale Ehrlichkeit. Rohe, sinnlose, cartoonig-überzogene Gewalt. Anna und die Apokalypse ist ein bloody good musical, wie für mich geschaffen! Dieser schottische Genremischmasch hat Herz und eine feine Einfachheit an sich. Es macht derbe viel Spaß. Und es ist dennoch kein ironischer Trash, sondern ein vollauf passioniertes, vergnügtes High-School-Weihnachtsmusical. Das halt während der Zombieapokalypse spielt und seine vielfältige Auswahl an eingängigen Songs zwischen Teenagersorgen und Zombiespaßsplatter parkt. Irre, individuell, genau mein Ding.

  • Meine 50 Lieblingsfilme des Jahres 2018 (Teil IV)
    Teil drei liegt hinter uns, doch diese Hitliste ist, wie ihr schon gemerkt habt, mehr als eine Trilogie: Willkommen zum nächsten Eintrag meiner Favoriten des Filmjahres 2018, ein Jahr, zu dessen Ehrennennungen unter anderem das High-School-Drama Blame zählt, ein prickelnd gefilmtes, sensibel erzähltes Tabudrama über eine Außenseiterin, die ihren Theaterlehrer zu verführen versucht und das mit nuancierten Darbietungen seiner Darstellerinnen aufwartet. Ebenfalls sehr gelungen: Der dänische Kammerspielthriller The Guilty, der komplett in der Notrufzentrale einer Polizei spielt und viel Spannung aus seinem Minimalismus zieht, sowie Eli Roths burtonesker Familienfilm Das Haus der geheimnisvollen Uhren. Auch der Kritiker spaltende, satirische Mysterythriller Under the Silver Lake hat mir gefallen, genauso wie der rätselhafte Gruselthriller/Drama-Mischmasch Marrowbone mit Mia Goth und Anya Taylor-Joy und die böshumorige Zombiefilmhommage Dementia: Part II. Aber genug der Vorrede. Ihr wollt die nächsten zehn Plätze sehen - und hier sind sie!

    Platz 20: Das schönste Mädchen der Welt (Regie: Aron Lehmann)

    Rücksturz in die Teeniefilmära während der unter anderem 10 Dinge, die ich an dir hasse entstanden ist: Das schönste Mädchen der Welt nimmt Elemente aus der Weltliteratur (namentlich Cyrano de Bergerac) und modernisiert sie charmant, leicht augenzwinkernd und mit einem goldigen Mix aus Frechheit und Herzlichkeit. Nach der räudigen, rüpelnden, Gemeinheiten glorifizierten Fack Ju Göhte-Trilogie hebt hier endlich wieder ein deutscher Jugendfilm Freundlichkeit und Belesenheit empor und distanziert sich von den "Tzäck zis auhs"-Kids, die die Fack Ju Göhte-Helden unironisch verehren. Prägnante Raps sowie die tolle Chemie zwischen Aaron Hilmer und Luna Wedler machen Das schönste Mädchen der Welt dem etwas staubigen Titel zum Trotz zu einem Glanzlicht im Jugendkino dieses Jahrzehnts. Holt diesen Film nach! Bitte!

    Platz 19: A Star Is Born (Regie: Bradley Cooper)

    Bradley Coopers Regiedebüt deutet an, dass der beliebte Schauspieler hinter der Kamera noch allerhand Gutes abliefern könnte: Die neuste Nacherzählung des A Star Is Born-Stoffs besticht mit einer trunken-hypnotischen Kameraarbeit, rau-atemberaubenden Darbietungen und natürlich mit den wuchtigen Songs von Lady Gaga und Bradley Cooper. Dieses Musik-Liebes-Drama über Ruhm, Passion und selbstzerstörerische Tendenzen ist ein kleiner filmischer Rausch, der Erfolgsgeschichtenpathos und kritische Drastik gekonnt vereint.

    Platz 18: Destination Wedding (Regie: Victor Levin)

    Ich liebe Streitkomödien. Ich liebe keckes Geplänkel zwischen Stars mit umfänglicher Chemie zwischen ihnen. Destination Wedding ist also wie gemacht für mich: Winona Ryder und Keanu Reeves spielen in diesem sehr zurückhaltend inszenierten, kleinen Film zwei Einzelgänger und unangepasste Liebesuntaugliche, die aus reinem Pflichtbewusstsein des werdenden Ehepaares auf eine dekadente Hochzeit auf einem Weingut eingeladen wurden. Schon bei der Anreise reiben sie sich, gleichzeitig entsteht eine zweckgebundene Sympathie zwischen ihnen, sind sie doch in ihren Augen die einzigen normalen Menschen auf dieser Feier, die den ganzen Kitsch hinterfragen. Genialer Dialoghumor voraus!

    Platz 17: Der Hauptmann (Regie: Robert Schwentke)

    Vom Tatort nach Hollywood und zurück nach Deutschland: Regisseur Robert Schwentke liefert mit seinem ersten deutschsprachigen Film nach rund eineinhalb Karrieredekaden ab - und direkt einmal seinen wohl bislang stärksten Film. Unbequem, aber nicht frei von raren, schwarzhumorig-satirischen Augenblicken, skizziert Der Hauptmann, wie sich im Faschismus die Gewaltspirale hochdreht: Die eine Seite redet sich raus, sie hätte ja Befehle befolgen müssen, die andere Seite redet sich raus, sie hätte die Befehle erteilt, zu denen sie gedrängt wurde. In kaltem Schwarz-Weiß gehalten, frei von Empathie gespielt und in widerlicher emotionaler Drastik ist Der Hauptmann frei von der versöhnlichen Didaktik vieler deutscher NS-Verarbeitungsfilme - und genau so muss es sein (mehr dazu auch in meinem Interview mit Schwentke)!

    Platz 16: The Rider (Regie: Chloé Zhao)

    Regisseurin Chloé Zhao inszenierte mit diesem (wortwörtlich) aus dem Leben gegriffenen Drama einen der sensibelsten, feinfühligsten und nachdenklichsten Filme des Jahres: In The Rider spielt Rodeoreiter Brady Jandreau quasi sich selbst, nur wenige, winzige Details im Schicksal seiner Figur Brady Blackburn sind anders. Nach einem schweren Unfall muss er sich entscheiden: Verfolgt er nach seiner Genesung weiter diese gefährliche Profession, die jedoch bislang sein ganzes Sein ausgemacht hat? Oder gibt er das auf, was ihn so lange erfüllt und nun beinahe zerstört hat, und sucht sich eine neue Identität? Mit authentischen, berührenden Darbietungen von Laiendarstellern aus Bradys Leben und dokumentarischer Kameraarbeit ist The Rider ein sehr ruhiger Film über Maskulinität, Identitätssuche und der Liebe zu Dingen, die andere Menschen nicht nachvollziehen können.

    Platz 15: The House That Jack Built (Regie: Lars von Trier)

    Einer der lustigsten Filme des Jahres ist zugleich auch ein Film, der in Cannes für Unverständnis und Massenflucht gesorgt hat. Tja. So unterschiedlich können Filme wirken. In meinen Augen ist Lars von Triers ausuferndes filmisches Getrolle ein verboten gutes Vergnügen: Von Trier zieht über seine Kritiker her, die ihn auf die Gewalt und das Trübsal in seinen Geschichten beschränken, macht sich über seine fehlgeleiteten Fans lustig, über Feuilletonisten, die in jeden Pups in seinen Filmen etwas hineindeuten und über Männer, die denken, ihnen allein gehöre die Welt. Mit bitteren Pointen und trockener Selbstironie versehen, mit herrlich-albernen Ausschweifungen auf themenfremde Sujets und mit einem gleichermaßen intensiven wie witzig-planlosen Matt Dillon in der Hauptrolle hat mir The House That Jack Built bei meinen beiden Kinobesuchen einige der launigsten Kinostunden 2019 beschert. Und die FSK-Freigabe ab 18 Jahren? Übertrieben!

    Platz 14: Sibel (Regie: Guillaume Giovanetti und Çağla Zencirci)

    Es ist eine Schande, dass dieser türkische Film in Deutschland brutal unterging, denn diese Mischung aus Soziogramm und Charaktergeschichte hat sich mit ihrer Geschichte, ihren Schauspielleistungen und ihren Bildern in mein Gedächtnis gebrannt. Damla Sönmez spielt die Titelfigur, eine junge Frau, die nicht sprechen kann und sich daher allein mit einer in ihrer Region verbreiteten, aber auch langsam aussterbenden Pfeifsprache verständigt. Als Sprachbehinderte wird sie in ihrem Dorf nicht für voll genommen, gleichzeitig erlaubt ihr ihre Situation eine teils befreiende Sonderbehandlung: Sie muss sich als "Freak" einigen gesellschaftlichen Regeln nicht unterwerfen. Diese mit einem großen "Aber" versehene Freiheit stellt Sibel zunehmend in Frage, als sie im Wald einen Deserteur kennenlernt, der sie vorurteilsfrei behandelt. Eindringlich gespielt, mit sanftem Nachdruck erzählt und ausdrucksstark, hat sich Sibel ein viel größeres Publikum verdient!

    Platz 13: Mission: Impossible - Fallout (Regie: Christopher McQuarrie)

    Atemberaubende Stunts, ein pressender Score, hypnotische Kameraarbeit und reduzierter, doch präzise gesetzter Humor: Die Mission: Impossible-Actionsaga geht weiter, und Christopher McQuarrie legt nach seinem tollen fünften Teil einen umwerfenden sechsten Eintrag in die turbulenten Agentengeschichten der Impossible Mission Force nach. Henry Cavill hat eine imposante Leinwandpräsenz, Rebecca Ferguson bleibt so magnetisch wie im Vorläufer und Tom Cruise beweist einmal mehr, welche wahnsinnige Arbeitsmoral er als Schauspieler und Teufelskerl hat. Saustark.

    Platz 12: Keep An Eye Out (Regie: Quentin Dupieux)

    Quentin Dupieux, mal zugänglich - und das, ohne sich selber zu verraten: Ein Mann, der eine Leiche gefunden hat, wird von einem spitzfindigen, misstrauischen Polizisten verhört, da dieser das Gefühl hat, dass hier jemand seine mörderische Tat vertuschen will, indem er sich als Passant ausgibt, der schlicht zu spät kam, um einen Toten zu retten. So beginnt ein verworrenes Netz aus Aussagen, Hinterfragungen, Erinnerungen und Suggestionen, pointiert gespielt und mit dezenter Surrealität auf die Leinwand gebracht. Ein großer, kreativer Spaß.

    Platz 11: Game Night (Regie: John Francis Daley und Jonathan M. Goldstein)

    Man nehme eine Komödie mit bestens aufgelegten Darstellern und tauche sie in eisig-schneidende Thrillerästhetik: Game Night ist eine der am besten aussehenden Mainstreamkomödien dieses Jahrzehnts und holt das Optimum aus ihrer Prämisse "Was, wenn ein Spieleabend durch eine gefährliche Verwechslung zu einem Leben um Spiel und Tod wird?" Jason Bateman ist toll, Kyle Chandler gibt einen tollen Mistkerl ab, Jesse Plemons ist sensationell als verrückter Nachbar, Billy Magnussen ist goldig-witzig und Rachel McAdams ist einfach fantastisch und hat die wohl lustigste Zeile des Filmjahres 2019. Stylisch, temporeich und durch und durch unterhaltsam: Game Night hat's mir angetan und zählt zu den raren Komödien, die auch beim wiederholten Anschauen lustig bleiben.

    Fortsetzung folgt ...

  • Die 91. Academy Awards: Wer gewinnt die Oscars 2019?

    In der Nacht auf den 25. Februar ist es so weit: Die sonderbarste Oscar-Saison, seit ich die Academy Awards verfolge, nimmt ein Ende. Entscheidungen wurden getroffen, viele von ihnen seltsam, Entscheidungen wurden zurück genommen. Es wurden Filme nominiert, die vielleicht kurzweilig sind, doch niemals nach Oscarmaterial riechen würden (Bohemian Rhapsodyals bester Film, wirklich?), und wann immer man dachte, dass die Indikatorpreise eine klare Richtung vorgeben, entstand bald darauf neues Chaos.

    A Star Is Bornstartete mit Hype, Buzz, starken Kritiken, starken US-Einspielergebnissen und einer hervorragenden Kampagne – und geriet schlagartig aus dem Sinn. Roma räumte in Venedig ab, holte massiv Nominierungen und gewann beim Directors Guild Award. Der Netflix-Film verlor aber den Screen Actors Awards den Ensemblepreis an Black Panther und den Producers Guild Award, und somit einen Preis, bei dem wie beim Bester-Film-Oscar nicht einfach nur die meisten Stimmen gezählt werden, sondern das Ranking in einem 'Preferential Ballot', an Green Book. Und dann heißt es zudem seitens zahlreicher Oscar-Insider, dass ihre Quellen in der Academy von einem Unmut darüber sprechen, Netflix den Toppreis zu geben, dass viele Roma gar nicht sehen wollen oder zu langatmig finden. Vom simplen Fakt, dass noch nie ein fremdsprachiger Film den Haupt-Oscar gewonnen hat, mal ganz abgesehen! (The Artist ist streng genommen eine französische Produktion, aber zum größten Teil ein Stummfilm und die wenigen Wortfetzen des Films sind in englischer Sprache)

    Also? Wer wird die Oscars 2019 gewinnen? Basierend auf Indikatorpreisen, Oscar-Statistiken, dem Geflüster diverser Oscar-Berichterstattungen und einer Prise Bauchgefühl habe ich mich zu dieser Prognose durchgerungen:

    Beste Hauptdarstellerin
    Yalitza Aparicio (Roma)
    Glenn Close (Die Frau des Nobelpreisträgers)
    Olivia Colman (The Favourite)
    Lady Gaga (A Star Is Born)
    Melissa McCarthy (Can You Ever Forgive Me?)

    Lange dachten wir, es sei Lady Gagas sicherer Preis, doch seit Glenn Closes passionierter Golden-Globe-Dankesrede gilt ihr sämtliche Aufmerksamkeit – und das geschah früh genug, um die Abstimmung bei diversen anderen Preisen zu beeinflussen. Wenn nicht Close gewann, staubte Olivia Colman ein bisschen Anerkennung ab – sollte Close nicht den Oscar gewinnen, wäre die The Favourite-Königin also die nächstbeste Möglichkeit.

    Bester Hauptdarsteller
    Christian Bale (Vice)
    Bradley Cooper (A Star Is Born)
    Willem Dafoe (At Eternity's Gate)
    Rami Malek (Bohemian Rhapsody)
    Viggo Mortensen (Green Book)

    Egal, wie viel Unverständnis der Preissegen für Bohemian Rhapsody in Teilen der Filmfan-Community erhält, ganz gleich, wie viele erschütternde Berichte und Anschuldigungen über Regisseur Bryan Singer noch ans Licht kommen: Rami Malek tanzte sich unbehelligt durch diese Awardssaison und sein PR-Team eichte ihn rechtzeitig darauf ein, die Taktik von "Ich ignoriere die Causa Singer" zu wechseln und auf den Elefanten im Raum einzugehen. Es ist eine auffällige, aber auch passionierte Performance, der Film ruht auf ihren Schultern – dieser Sieg sollte ziemlich sicher sein.

    Beste Nebendarstellerin
    Amy Adams (Vice)
    Marina de Tavira (Roma)
    Regina King (Beale Street)
    Emma Stone (The Favourite)
    Rachel Weisz (The Favourite)

    Der neue Film des Moonlight-Regisseurs Barry Jenkins wird von Kritikern geachtet, in der Awardssaison fehlt es ihm jedoch an Durchsetzungsvermögen – abgesehen von Regina King, die bereits mehrere Preise erhielt. Da die Konkurrenz aus einer Unbekannten besteht, deren Film nicht nur Fans hat, sondern auch Boykottler, der ewigen Oscar-Brautjungfer Amy Adams sowie zwei starken Schauspielerinnen, die sich gegenseitig die Stimmen klauen sollten, halte ich King für einen sicheren Tipp. Nicht auf Rami-Malek-Niveau. Aber sicher.

    Bester Nebendarsteller
    Mahershala Ali (Green Book)
    Adam Driver (BlacKkKlansman)
    Sam Elliott für A Star Is Born
    Richard E. Grant (Can You Ever Forgive Me?)
    Sam Rockwell (Vice)

    Die Gewinner der Screen Actors Guild Awards sind immer gute Oscar-Tipps, wobei es gerne einen Ausreißer gibt. Sollte es dieses Jahr wieder dazu kommen, dass ein SAG-Gewinner keinen Oscar erhält, wäre Mahershala Ali mein Tipp. Er gewann erst vor zwei Jahren, was bei unentschlossenen Oscar-Votern dazu führen könnte, ihrem anderen Favoriten die Stimme zu geben. Can You Ever Forgive Me? gilt als in der Branche beliebt und Film, der es bei einem festen Zehnerfeld in die Hauptkategorie rein geschafft hätte, und Richard E. Grant soll in den vergangenen Wochen bei diversen Award-Veranstaltungen enormen Eindruck hinterlassen haben. Und wenn Ali "fällt", fällt der stärkste Pfeiler der Green Book-Zuneigung. Da ich darauf tippe, dass der Green Book-Erfolgszug seine letzte Station bereits hinter sich hatte, gehe ich hier ein wenig gegen die Weisheit der Statistik und sage: Es wird Grant. Wollt ihr bei eurem Oscar-Tippspiel auf Nummer sicher gehen, nehmt ihr aber Ali!

    Bester Song
    "Shallow" aus A Star Is Born
    "The Place Where Lost Things Go" aus Mary Poppins' Rückkehr
    "I'll Fight" aus RBG
    "All of the Stars" aus Black Panther
    "When A Cowboy Trades His Spurs for Things" aus The Ballad of Buster Scruggs

    Keine Debatte. Wenn es einen Tipp gibt, der sicherer ist als Rami Malek, dann ist es "Shallow".

    Beste Musik
    Black Panther
    BlacKkKlansman
    Beale Street
    Isle of Dogs
    Mary Poppins' Rückkehr

    "Beste Musik" ist dieses Jahr die Kategorie, in der Statistikweisheit und "gefühlte" Weisheit am weitesten auseinander gehen. Hört man auf Oscar-Blogger und Kritiker, und schaut man, welche Musik in der (US-)Filmfan-Community am meisten hängen geblieben ist, so müsste man auf Beale Street tippen. Jenkins' Film wurde schon in zahlreichen YouTube-Montagen gewürdigt und bezirzte genau die demografische Zielgruppe, die die meisten Oscar-Blogs, -Podcasts und -Kolumnen verantwortet. Aber rein statistisch stehen Black Panther und BlacKkKlansman besser da.

    Mich überrascht noch immer BlacKkKlansmans Nominierung, da der Film auch sehr prägnant auf Archivmusik setzt, was schon zahlreichen beliebten Filmen die Qualifikation für den Oscar kostete. Nun hat es Spike Lees zorniger, dennoch auch spaßiger Film aber geschafft und Terence Blanchard ist ein geachteter Komponist, der dem Film Gänsehautmomente verleiht. Aber Black Panther ist mit seiner Mischung aus afrikanischen Chorälen, energischer Percussion und Hip-Hop-Elementen eine Spur griffiger … Ich sage: Black Panther krallt sich den Sieg.

    Bester Schnitt
    BlacKkKlansman
    Bohemian Rhapsody
    The Favourite
    Green Book
    Vice

    Der Schnitt-Oscar geht sehr oft entweder an den BAFTA-Gewinner für den besten Schnitt oder einen Sieger beim Cutter-Gildenpreis, was dieses Jahr The Favourite (gewann "Bester Schnitt einer Komödie") oder Bohemian Rhapsody ("Bester Schnitt eines Dramas") wäre. Mit einem Sieg für Bohemian Rhapsody würde die Academy beweisen, dass sie sich nur auf die gelungenen Momente eines Films konzentriert. Denn so mitreißend das Konzertfinale des Films geschnitten ist, sind diverse ruhigere Momente in den ersten zwei Filmdritteln … Naja … Sagen wir: John Ottman musste mit dem arbeiten, was er hatte, und das hat diesen eigentlich talentierten Cutter zu so manch grobschlächtigen Lösungen verleitet.


    The Favourite halte ich für zu unaufdringlich geschnitten – der Schnitt ordnet sich dem Film unter, während der in Vice auf sich aufmerksam macht, was dieses Jahrzehnt bislang auf alle Gewinner in dieser Sparte zutrifft. Daher setze ich auf Vice, wobei eine Trosttrophäe für Ottman, der während der Arbeit an Bohemian Rhapsody nervlich sicher einige Jahre gealtert ist, nicht auszuschließen ist.

    Beste Kamera
    Cold War
    The Favourite
    Werk ohne Autor
    A Star Is Born
    Roma

    Kleine, spaßige Statistikinfo: Filme, die für das beste Produktionsdesign nominiert sind, gewinnen häufiger den Kamera-Preis als Filme, die nicht in der "Nachbar-Kategorie" nominiert sind. Mit dieser argumentativen Krücke heißt es dieses Jahr: Romagegen The Favourite, und da tippe ich auf den Film, der sich viel stärker auf seine Bilder verlässt, also Roma.

    Bestes Produktionsdesign
    Black Panther
    The Favourite
    Aufbruch zum Mond
    Mary Poppins' Rückkehr
    Roma

    Urbanes Design, Low-Sci-Fi und afrikanische Folklore, vereint zum faszinierenden Wakanda? Oder doch The Favourite, das als stilvoll, detailliert ausstaffierter Historienfilm wahre Katzenminze für die Academy in dieser Kategorie ist? Ich denke, dass dies die zwei Filme sind, die diesen Oscar sowie "Beste Kostüme" unter sich ausmachen, und ich teile meinen Tipp, indem ich The Favouritein seiner noch deutlicheren Heimatkategorie nehme (wo Black Panther zudem den Nachteil hat, als kontemporärer Film weniger Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen) und hier auf Marvel setze.

    Beste Kostüme
    The Ballad of Buster Scruggs
    Black Panther
    The Favourite
    Mary Poppins' Rückkehr
    Maria Stuart, Königin von Schottland

    Siehe oben.

    Bestes Make-up & Hairstyling
    Border
    Maria Stuart, Königin von Schottland
    Vice

    Das Rennen sollte knapp unter Rami-Malek-Niveau sicher sein.

    Bester Animationsfilm
    Chaos im Netz
    Mirai
    Die Unglaublichen 2
    Isle of Dogs
    Spider-Man – A New Universe

    Das Rennen sollte etwa auf Rami-Malek-Niveau sicher sein. Andererseits hat Pixar schonmal einem verdienten Sieger den Preis weggenommen – wir erinnern uns an das Merida-Debakel …

    Bester fremdsprachiger Film
    Capernaum
    Cold War
    Roma
    Shoplifters
    Werk ohne Autor

    Sind wir kurz spitzfindig: In der Kategorie "Bester fremdsprachiger Film" gewinnt selten der Favorit (und vermeintlich sichere Tipp) der Oscar-Experten. The Square verlor vergangenes Jahr gegen Eine fantastische Frau. Toni Erdmann verlor gegen (den eh viel besseren) The Salesman. Leviathan und Wild Talesverloren gegen Ida. Die Jagdverlor gegen La Grande Bellezza. Ja, bei den 85. Ocars gewann Liebe von Michael Haneke. Und die 88. Academy Awards nehme ich aus meiner Argumentationskette mal raus, denn damals teilten sich (der letztliche Gewinner) Son of Saul, Mustang und A Wardie gefühlte Spitzenposition.

    Dennoch ließe sich eine Logik herbeireden, laut der Roma diesen Preis nicht nach Hause nimmt. Zumal Florian Henckel von Donnersmarck schon einmal dem international geachteten (und in mehreren anderen Kategorien nominierten), spanisch sprachigen Nominierten die Show gestohlen hat. Aber machen wir uns nichts vor: Selbst wenn die Historie andeutet, dass Roma nicht gewinnen muss, würde ich im Dunkeln stochern, welcher Film stattdessen gewinnt. Also bleibe ich bei Roma.

    Beste Dokumentation
    Free Solo
    Hale County This Morning, This Evening
    Minding the Gap
    Of Fathers and Sons
    RBG

    Es wird entweder die visuell aufreibende Kletterdoku Free Solo oder RBGüber Ruth Bader Ginsburg, die "Omi der Gerechtigkeit", wie The LEGO Movie 2 sie kürzlich taufte. Free Solo hat laut Oscar-Bloggern die Nase vorne, aber abgesehen von den Musikdokus Amy und 20 Feet from Stardom, der The Act of Killing den Oscar wegschnappte, gewann dieses Jahrzehnt durchweg eine politische Doku. Es steht also 3:1, dass doch RBG gewinnt. Und darauf verlasse ich mich jetzt einfach.

    Bestes adaptiertes Drehbuch
    BlacKkKlansman
    The Ballad of Buster Scruggs
    Can You Ever Forgive Me?
    Beale Street
    A Star Is Born

    Das machen gemäß der bisherigen Preissaison Beale Street, Can You Ever Forgive Me? und BlacKkKlansman unter sich aus, und ich sage einfach, dass sich Spike Lee mit dem Autorenbonus durchsetzt.

    Bestes Original-Drehbuch
    The Favourite
    First Reformed
    Green Book
    Roma
    Vice

    Da ich die "Green Book ist ausgebrannt"-Theorie fahre, und Vicezwar Fans hat (sonst wäre er ja nicht nominiert), die Fanbase aber klein zu sein scheint, und der wortkarge Romajetzt nicht gerade der typische Drehbuchgewinner ist, wird es in meinen Augen ein Duell zwischen den schnippischen, flotten Dialogen in The Favourite und "Paul Schrader, Autor von Taxi Driver und Wie ein wilder Stier, wir schulden dir was!" Und da tendiere ich zum insgesamt populäreren Film.

    Bester Tonschnitt
    Black Panther
    Bohemian Rhapsody
    Aufbruch zum Mond
    A Quiet Place
    Roma

    Irgendwie kann es jeder Film werden, doch da A Quiet Place ein insgesamt sehr gut besprochener Film ist, der letztlich dennoch nur eine Oscar-Nominierung erhalten hat, mutmaße ich, dass dies die Chance für Fans des Films ist, ihn zu würdigen.

    Bester Ton
    Black Panther
    Bohemian Rhapsody
    Aufbruch zum Mond
    Roma
    A Star Is Born

    Musik, Dialog, atmosphärische Geräusche, satt abgemischt - Bohemian Rhapsodyist wie gemacht für diese Kategorie. Aber man könnte sich jeden Film zum Sieg reden. Aufbruch zum Mond könnte seinen Anerkennungspreis erhalten, Black Pantherhat den Actionbonus, Roma wurde intensiv für seine Dolby-Atmos-Abmsichung gelobt (jedoch stellt sich die Frage, wie viele Academy-Mitglieder den Film in Atmos sehen konnten), A Star Is Born hat dieselbe Argumentationskette hinter sich wie Bohemian Rhapsody. Aber ich sage, dass die mitreißende Wirkung von Queen-Musik Bohemian Rhapsodyüber die Ziellinie trägt.

    Beste Effekte
    Avengers | Infinity War
    Christopher Robin
    Aufbruch zum Mond
    Ready Player One
    Solo: A Star Wars Story

    Wie sich das Blatt drehen kann: Laut Oscar-Experten vermasselten die Christopher Robin-Repräsentanten ihre Präsentation während der großen Effekt-Nominierungsveranstaltung, während der sich alle vornominierten Filme in Szene setzen konnten. Daher nahm ich den Film trotz seiner großartigen, täuschend echten Trickeffekte aus meiner Nominierungsprognose heraus. Und dennoch hat es Christopher Robin rein geschafft. Und nun vernehme ich aus mehreren Oscar-Blogs sowie via mehrerer Twitter-Quellen, dass in der Kampagnenphase Christopher Robin die vermasselte Livepräsentation mit einer herausragenden Materialzusammenstellung für die Academy wieder gut macht.

    Oft heißt es in dieser Kategorie "viel hilft viel", und da müsste Avengers | Infinity Warmit seinen überzeugenden digitalen Welten und der umwerfenden Charakteranimation des Schurken Thanos die Nase vorne haben. Aber ich spiele hier Risiko und will den Ruhm haben, eine Überraschung vorherzusagen, sollte sie geschehen. Das macht mir oft die Prognose kaputt, aber mir egal: Ich sage, Christopher Robinist der neue Ex_Machina und schlägt die kostspieligere Konkurrenz. Das wäre quasi auch ein Oscar fürDeutschland. Das freut dann die Morning Shows im hiesigen Radio. Wenn sie dahintersteigen.

    Bester Animationskurzfilm
    Animal Behaviour
    Bao
    Late Afternoon
    One Small Step
    Weekends

    Oft gewinnt der bekannteste Kurzfilm, und das wäre dann der Pixar-Eintrag Bao. Na, wohl bekommt's!

    Bester Kurzfilm
    Detainment
    Fauve
    Marguerite
    Mother
    Skin

    Unter vier pessimistischen Kurzfilmen sticht Marguerite mit Optimismus hervor. Dies ist eine Kategorie, in der viele Academy-Mitglieder auf eine Stimme verzichten, es sei denn, sie haben alle Einträge gesehen. Ich fahre hier die "Was blieb nach dem Kurzfilmmarathon hängen?"-Taktik.

    Bester Doku-Kurzfilm
    Black Sheep
    End Game
    Period. End of the Sentence.
    Life Boat
    A Night at the Garden

    Siehe oben, nur mit Period. End of the Sentence.. Punkt, Ende, aus.

    Beste Regie
    Adam McKay (Vice)
    Alfonso Cuarón (Roma)
    Pawel Pawlikowski (Cold War)
    Yorgos Lanthimos (The Favourite)
    Spike Lee (BlacKkKlansman)

    Selbst wenn ich Romaim Hauptrennen wie eingangs erwähnt als wacklig ansehe, halte ich Alfonso Cuarón für eine sichere Wette. Er gewann den Regie-Gewerkschaftspreis und den BAFTA, zwei Preise, bei denen es einige Abstimmungsberechtigte gibt, die auch Academy-Mitglieder sind. Zudem ist Roma durch und durch ein Kamera- und Regiefilm. Wer ihn unterstützt, unterstützt ihn auch hier.

    Bester Film
    BlacKkKlansman
    Black Panther
    Bohemian Rhapsody
    The Favourite
    Green Book
    Roma
    A Star Is Born
    Vice

    Wie eingangs geschrieben: Die Indikatorpreise sind dieses Jahr kaum zu gebrauchen (eine Sache, die sich in den vergangenen Jahren mehr und mehr steigerte), also geht es ans Orakeln: Seit in dieser Kategorie eine Präferenzliste ausgewertet wird, geht dieser Preis nicht dringend an den Film mit der lautesten Fanbase (das wäre vor zwei Jahren dann wahrscheinlich La La Land gewesen und vergangenes Jahr … öh … Dunkirk? Get Out?), sondern an den Film, mit dem sich die verschiedenen Lager innerhalb der Academy am ehesten anfreunden können.

    Green Book wird einige Stimmen auf Platz eins und Platz zwei einsammeln – aber nicht genug, um im ersten oder zweiten Zähldurchlauf schon zu gewinnen. Es fehlt dem Film etwa an Rückhalt in der Regiesparte, die Peter Farrelly nicht einmal nominiert hat – und Green Book ist kein Argo, der die gesamte verbleibende Oscar-Saison mit dem Thema "Wir haben vergessen, Ben Affleck zu nominieren!" positiv an sich riss. Green Book wird, wie der Backlash gegen den Film suggeriert, einige sehr tiefe Platzierungen von jüngeren und nicht-weißen Academy-Mitgliedern erhalten. Wage ich zu behaupten.

    Roma hat mit dem Regie-Gewerkschaftspreis und seinen diversen BAFTA-Siegen ein sehr gutes Blatt in der Hand – und doch kann ich mir nicht vorstellen, dass Roma oft genug auf der Eins und der Zwei landet, um durchzumaschieren. Auch hier werden Stimmen auf der Drei notwendig sein, und dafür ist Roma zu sehr "lieb es oder sei gelangweilt, sofern du es überhaupt geguckt hast". BlacKkKlansman wäre eine Zeitgeistwahl, ein Statement und zudem ein Film, der durch seine Kombination aus Wut und Humor einige passionierte Fans haben dürfte – und dann wird er sicher einigen Academy-Mitgliedern zu belehrend sein. Vicehat ein ähnliches Negativargument, zudem fehlen ihm die laut überzeugten Stimmen. The Favourite begeistert fast alle, die ihn gesehen haben, aber wurde er genug gesehen, um sich durchzusetzen? Nach Spotlight und Moonlight ist das nicht auszuschließen.

    Aber: Obwohl Black Panthernicht eine einzige Schauspielnominierung hat, hat er Rückhalt seitens Schauspielerinnen und Schauspieler (siehe: Ensemblepreis bei den SAG Awards). Er sollte von jenen, die BlacKkKlansmanauf die Eins setzen, einen zweiten Platz erhalten. Wer den Netflix-Bias bewältigt, um für Roma zu stimmen, wird nicht fern davon sein, auch den Superhelden-Bias zu überkommen. Es war ein riesiges kulturelles Ereignis in den USA – und somit sollte er konsensfähig sein. Die Prognose in dieser Sparte ist dieses Jahr ein reines Tippspiel, also, was soll's? Ich sag Black Panther!


  • Meine 50 Lieblingsfilme des Jahres 2018 (Teil III)
    Der zweite Part meiner Lieblingsfilmliste 2018 liegt schon hinter uns, und nun ist es an der Zeit, euch den dritten Teil zu präsentieren. Erneut möchte ich euch ein wenig auf die Folter spannen und zunächst ein paar Ehrennennungen loswerden, also auf Filme verweisen, die bei einem etwas anderen Feld an Mitbewerbern wohl im Ranking gelandet wären. Da hätten wir Mandy, das surreale und blutige Andrea-Riseborough-und-Nicolas-Cage-Vehikel mit einem Bombenscore von Jóhann Jóhannsson. Der erste Akt vernachlässigt in meinen Augen die dichte Atmosphäre und die eigenwillige Stilistik, die später wichtig werden, leider für figurenbasiertes Fundament, das es nicht bräuchte, aber der Rest des Films ist unvergesslich! Abgeschnitten ist unterdessen ein eisiger, dreckiger deutscher Thriller mit Selbstironie, der einen schneidigen Spagat zwischen Pulp und Suspense wagt, Terminal ist ein von Margot Robbie angeführtes Alice im Wunderland-Delirium von einem Female-Empowerment-Fiebertraum, dessen hypnotischen Szenen fast den zähen Übergang von Akt eins zu Akt zwei vergessen lassen, A Beautiful Day ist eine smarte, schön gefilmte Action-Dekonstruktion, die aber gerne noch etwas mehr kritischen Biss hätte haben dürfen, und Aufbruch zum Mond ist ein sehr gutes, ruhiges Drama mit einem minimalistischen Ryan Gosling, dem für diese Liste einfach ein paar Tropfen Herzblut meinerseits fehlen.

    Aber genug der Vorrede, hier sind sie, die Plätze 30 bis 21 in meiner Favoritenliste 2018!

    Platz 30: Christine (Regie: Antônio Campos)

    Nach einem Drehbuch des Autoren Craig Shilowich, der Anfang des Jahrtausends in eine Depression verfiel und seither mit dem entsprechenden Problemen zu kämpfen hat, inszeniert Regisseur Antônio Campos (Simon Killer) dieses Drama mit immensem Feingefühl: Christine handelt von einer Fernsehjournalistin, die Mitte der 1970er-Jahre mit allerlei Tücken zu kämpfen hat: Sie will mehr menschelnden Qualitätsjournalismus, der Chef will sie wahlweise auf schneller heruntergerissene Themen ansetzen oder doch lieber reißerische Geschichten von ihr haben. Am Arbeitsplatz wird sie aufgrund ihres Geschlechts nicht für voll genommen, als Dauersingle, der auf die 30 zugeht und obendrein mit Frau Mutter zusammenlebt, gilt sie sowieso als seltsam, und dann nähert sich obendrein im TV-Geschäft eine technologische Veränderung, die es zu begreifen gilt. Statt durch den Stress an die Decke zu gehen, entwickelt Christine schweren Trübsinn - aber sie nimmt sich fest vor, sich beruflich und privat neu aufzustellen ... Rebecca Hall erfüllt die Hauptrolle mit viel Gefühl, lässt sie berührendzwischen "Lasst mich alle in Ruhe"-Entnervtheit und "Wieso ist niemand auf meiner Seite"-Kummer gleiten, die Seitenhiebe auf das Journalismusgeschäft sind zeitlos und die karge, ausgebleichte Ästhetik des Films passt zum Setting (70er-Lokalfernsehen) sowie zu Christines Seelenleben. Stark.

    Platz 29: Bad Times at the El Royale (Regie: Drew Goddard)

    Drew Goddards stilvoll-eleganter, dennoch auch gewalthaltiger Mix aus Crime, Comedy, Thriller, Action und Drama ist eine gelungene Stilübung darin, tarantinoesk zu sein, ohne einen Tarantino-Trittbrettfahrer abzugeben. Besetzt mit einem starken Ensemble, das unter anderem Chris Hemsworth als "sexy Manson", einen sarkastischen Jon Hamm, eine einmal mehr ihr komödiantisches Geschick ausspielende Dakota Johnson, einen coolen Jeff Bridges und die bislang wenig beachtete, doch sehr talentierte Cynthia Erivo umfasst, scherzt, beißt und grübelt sich Bad Times at the El Royale in einem Edel-Pulp-Tonfall durch gesellschaftliche Probleme der 60er und 70er, die heute wieder an Aktualität gewinnen. Ein großes, stilsicheres, spannendes Vergnügen, erzählt in einer Cliffhanger liebenden Episodenstruktur.

    Platz 28: Christopher Robin (Regie: Marc Forster)

    Was für ein schöner, herzerwärmender Film: Christopher Robin malt sich aus, was passiert, wenn der menschliche Freund von Winnie Puuh, I-Ah, Tigger, Ferkel und Konsorten erwachsen wird. Angesiedelt im London nach dem Zweiten Weltkrieg treffen wir Christopher Robin als Kriegsveteran wieder, der sich in einer Firma zerschleißt, in der sein Vorgesetzter denkbar wenig an Arbeit interessiert ist, geschweige denn am Wohlsein des Kollegiums. Ewan McGregor spielt den überarbeiteten, freundlichen Ehemann und Familienvater, der aufgrund eines dringenden Arbeitsengpasses zähneknirschend seine Liebsten hinten anstellen muss, mit Feingefühl und verborgenem Witz. Als sich seine Vorstellungskraft nach vorne kämpft und seine imaginären Spielgefährten versuchen, ihn in ihre Welt zurückzuholen oder alternativ in seiner Welt für mehr Freude zu sorgen, ist natürlich Chaos vorprogrammiert. Doch es sind die bittersüßen, nuancierten Noten, in denen Marc Forsters Film so richtig glänzt. Als Bonus für Disney-Fans gibt es neue Sherman-Musik. Hach.

    Platz 27: Die dunkelste Stunde (Regie: Joe Wright)

    Nach dem kommerziellen Misserfolg und den brutalen Verrissen seines Fantasyfilms Pan war Regisseur Joe Wright nach eigenen Aussagen am Boden und überlegte, ob er seine Karriere an den Nagel hängen sollte. Als ihm die Regie bei Die dunkelste Stunde angeboten wurde, war er jedoch Feuer und Flamme für den Stoff, da er sich irgendwie in Winston Churchill wiedersah, der für den Löwenteil der Handlung damit zu kämpfen hatte, dass ihn niemand auf seinem Posten sehen wollte. Also nahm Wright den Job an - und Wrights Passion ist dem Film durchweg anzumerken. Gary Oldman gibt eine intensive, aber auch kurzweilige Darbietung ab, Bruno Delbonnels sanfte Lichtgebung und Dario Marianellis sehr emotionale, aber nie in Kitsch abgleitende Filmmusik geben der Nacherzählung der ersten Wochen Churchills im Amt des Premierministers die nötige Gravitas und das Drehbuch von Anthony McCarten ist nicht bloß eine große Verneigung vor der Macht des Wortes, sondern zudem eine leider extrem mit unserer Zeit resonierende, flammende Ansprache darüber, dass mit faschistischen Kräften nicht zu verhandeln ist und man den Kampf gegen sie niemals aufgeben sollte. Hinzu kommt ein punktgenau gewählter Schluss und, tja, hier sind wir. Ein Film, der in der Oscar-Saison Anfang 2018 von vielen als 08/15-Laberdrama abgetan wurde, sitzt hier bequem und stolz in meinen Jahrescharts.

    Platz 26: Auslöschung (Regie: Alex Garland)

    Alex Garlands erstes Projekt nach dem hervorragenden Ex_Machina ist, in meinen Augen, nicht ganz so prägnant wie das packende Kammerspiel, doch das macht es nicht minder faszinierend: Der Sci-Fi-Thriller mit einer kühl-eindringlichen Natalie Portman in der Hauptrolle ist eine filmische Allegorie auf Depression (oder darauf, wie verschieden der Umgang mit unaufhaltsamem Wandel ausfallen kann, je nach interpretatorischem Ansatz, wenngleich der Depressionsansatz in meinen Augen stärker in der Figurenzeichnung verankert ist), die sich mit Bildgewalt und atonaler, Gänsehaut erregender Musik ins Gedächtnis brennt. Was der Beginn von Akt zwei meiner Meinung nach an atmosphärischer Dichte missen lässt, macht das intensive Finale wieder wett. Tragisch, dass wir in Deutschland diesen Film nicht im Kino sehen durften. Danke, Paramount. Danke, Netflix ...

    Platz 25: No Way Out - Gegen die Flammen (Regie: Joseph Kosinski)

    Tron: Legacy- und Oblivion-Regisseur Joseph Kosinski verlässt die Welt des Sci-Fi-Kinos, um sich stattdessen dem Katastrophendrama zu widmen - und auch in diesem Genre weiß der Mann zu überzeugen: No Way Out erzählt von einer Feuerwehrtruppe, angeführt von einem bärigen Josh Brolin, die den unzuverlässig vor sich hinlebenden Miles Teller in ihrer Mitte aufnimmt und ihm eine Umgebung gibt, in der er charakterlich wachsen kann. Gefilmt in starken, einprägsamen Bildern, entsteht so eine konsequent falschen Pathos vermeidende Heldengeschichte über Waldbrandbekämpfung, das Geradebiegen kaputter Biografien und die Angst vor dem Alleinsein. No Way Out ist einer der am sträflichsten unterschätzten Filme des Jahres 2018.

    Platz 24: Black Panther (Regie: Ryan Coogler)

    Nachdem sich 2017 nicht einen einzigen Marvel-Film in meinen Jahrescharts finden ließ, eröffnete das Marvel-Jahr 2018 direkt mit einem Kracher: Black Panther hat ein farbenfrohes, kreatives Produktionsdesign, eine starke, percussionlastige Musikuntermalung und einen genial gespielten Schurken in Form von Michael B. Jordans determiniertem Killmonger - einem Extremisten, dessen Anliegen aus einem erschreckend-profunden Keim entwächst. Hinzu kommen tolle weibliche Nebenfiguren wie Letitia Wright als Technikass Shuri sowie ein dramatischer Familienkonflikt, der diesem Film eine höhere emotionale Fallhöhe gibt als im Marvel Cinematic Universe gewohnt. Ja, die Digitaltricks sind teilweise grausig, aber die Balance aus Witz und Dramatik, Eskapismus und Gesellschaftskommentar lässt mich das weitestgehend vergessen.

    Platz 23: Werk ohne Autor (Regie: Florian Henckel von Donnersmarck)

    Da bringt Walt Disney Motion Pictures Germany mal endlich wieder eine einheimische Produktion auf den Markt, die dann ein paar Monate später obendrein nicht nur eine, sondern sogleich zwei Oscar-Nominierungen einheimst. Und wie danken deutsche Kritiker das? Gar nicht. Denn Werk ohne Autor kommt im deutschsprachigen Raum eher so lala an. Unverständlich, wenn man mich fragt: Werk ohne Autor ist zweifelsohne nicht frei von Schönheitsfehlern - von Donnersmarcks Inszenierung ist im ersten Akt teils krampfhaft, vor allem in den Szenen zwischen rund um die Gräueltaten der Nationalsozialisten. Aber dem stehen allerhand Argumente entgegen, weshalb dieser Film meiner Ansicht nach mehr Anerkennung verdient hätte: In atmosphärisch dichten Bildern eingefangen und von Tom Schilling, Sebastian Koch sowie Paula Beer facettenreich gespielt, ist Werk ohne Autor eine Verneigung vor der Macht der Kunst, ein malerisches, trotzdem mahnendes Soziogramm über die mangelnde Empathie im Nachkriegsdeutschland sowie ein stilistisch spannender Hybrid aus Fakt und Fiktion. Werk ohne Autor hat das Potential, mit der Zeit sogar weiter zu wachsen, vielleicht würde er in drei, vier Jahren höher in diesem Ranking stehen - denn nach und nach stören mich die Problemchen weniger, während ich die Glanzmomente mehr mag. Aber im Moment darf sich dieser Mammutfilm auf Rang 23 gehuldigt fühlen.

    Platz 22: Call Me By Your Name (Regie: Luca Guadagnino)

    Das "Bester Film"-Line-up bei den 90. Academy Awards hat mir nicht sonderlich zugesagt, aber neben Die dunkelste Stunde hat mich ein weiterer Nominierter gepackt - und zwar Luca Guadagninos gefühlvolles, mit großer Selbstverständlichkeit gespieltes Liebesdrama Camm Me By Your Name. Ein Film voller Italien-Urlaubsflair, wunderschönen Bildern, melancholisch-romantischer Musik und eloquenten Figuren. In dieses wohlige Drumherum bettet Guadagnino fantastische Performances von Armie Hammer und Timothée Chalamet ein - viel mehr braucht es manchmal nicht für einen filmischen Triumph.

    Platz 21: Zwei im falschen Film (Regie: Laura Lackmann)

    Laura Lackmanns Zwei im falschen Film ist ein reiner Konzeptfilm, doch ein äußerst cleverer: Ein unscheinbares Pärchen mosert über einen kitschigen, weltfremden Liebesfilm und verlässt lästernd während des Abspanns das Kino. Daraufhin begleiten wir Laura (Laura Tonke) und Hans (Marc Hosemann) durch ihren lahmen Alltag. Schluderig gefilmt, ein akustischer Albtraum und mit banalen, unterkühlten Beinahestreitigkeiten gefüllt, ist dieser zwar wie 1:1 aus dem wahren Leben gerissen - nur wer will sich das schon antun? Das erkennen auch Laura und Hans, weshalb sie sich vornehmen, ihre Beziehung aufzuhübschen, ohne dabei in Filmkitsch abzugleiten. Doch inszenatorisch hat Regisseurin Laura Lackmann andere Pläne, wie sich auch an der Dramaturgie der Gespräche ablesen lässt ... Zwei im falschen Film besteht quasi aus zwei Filmen, bei denen allerhand schief läuft, die gemeinsam aber ein geistreiches, stilistisch durchdachtes, kinopassioniertes Gesamtwerk ergeben. Super!




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