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Zeischrift für Enten, und solche, die es werden wollen

Sir Donnerbolds Bagatellen
SDB-Film


  • Passengers

    Guardians of the Galaxy-Star Chris Pratt. Die Tribute von Panem-Hauptdarstellerin Jennifer Lawrence. Ein elegant gestaltetes, mittels zumeist sehr ansehnlicher Effekte verwirklichtes Raumschiff als Setting. Und ein schnell begriffenes Konzept, das in allerlei Genres funktionieren würde – von Horrorfilm oder Psychodrama bis hin zu Hochglanzblockbuster: Was, wenn man bei einer mehr als ein Jahrhundert überdauernden Weltraumreise viel zu früh aus seinem künstlichen Schlaf geweckt wird?

    Passengers ist ein (oberflächlich betrachtet) überaus attraktiver Hollywood-Film. Einer, der bei sehr flüchtiger Betrachtung hält, was er verspricht: The Imitation Game-Regisseur Morten Tyldum erschafft eine vor Rückverweisen strotzende, ästhetische Science-Fiction-Welt. Das Drehbuch von Jon Spaihts (Prometheus) ist dynamisch strukturiert: Mit ruhigem Prolog, einem zunächst sehr lustigen ersten Akt, der ins Dramatische kippt. Einem romantisch aufgezogenen zweiten Akt, der in unter die Haut gehende Suspense kippt. Ehe der sukzessive vorbereitete, laute und effektlastige, mit Action bepackte finale Akt folgt.

    Jennifer Lawrence und Chris Pratt spielen ihr leinwandtaugliches Charisma aus. Pratt verinnerlicht ein Großteil der vielen, verworrenen Emotionen seiner Rolle. Lawrence indes spult zwar die Videobotschaften ihrer Figur routiniert runter (und somit die Szenen, die ihr eine runde Hintergrundgeschichte geben sollen), erweckt sonst jedoch einen engagierten Eindruck.

    Doch die Oberfläche von Passengers ist rasch weggekratzt. Es fängt schon beim Produktionsdesign an. Dass sich die Kulissen an Filmklassikern anlehnen, ist noch problemlos. Dass die als Zufluchtsort und Hort komödiantischer Szenen dienende Bar an die aus Shiningangelehnt ist, ist aber, je nach Blickwinkel: A) Ein recht wahlloser Verweis. Oder B): Beweis dafür, dass das Gesamtwerk deutlich leichtgängiger und gedankenloser geraten ist, als es wohl einst sein sollte.

    Die Instrumentalmusik von Komponist Thomas Newmans wiederum ist einprägsam, betörend schön und komplex arrangiert – sowie ein dreister Eigenklau aus seinen Arbeiten für die Pixar-Filme Findet Nemo, WALL·Eund Findet Dorie. Die Technologie des als Schauplatz dienenden Raumschiffs operiert nur auf Hollywood-Logik, mit Makeln, die sich nach der Storydramaturgie richten. Nicht nach einer inneren, kohärenten Logik.

    Und all dies sind noch immer (etwas tiefer gehende) Schönheitsfehler. Die wirklich argen Probleme an Passengers, die einen anhaltend bitteren Nachgeschmack hinterlassen, werden im Film erst nach rund der Hälfte der Laufzeit bemerkbar. Doch sie nehmen sukzessive zu. Und da Tyldum im haarsträubende Züge annehmenden Finale jegliche rettende Option links liegen lässt, gerät Passengers vom Blockbuster mit unglücklichen Implikationen zum möglichen Diskussionsanreger und schlussendlich zu einem frustrierend-problematischen Stück Popkultur.

    Spoilerfrei lässt sich dies nicht näher artikulieren – Sci-Fi-Liebhaber und Gelegenheitskinogänger, die nicht zu viel wissen wollen, sollten anhand der obigen Zeilen abschätzen, wie sehr sie Passengers denn nun reizt. Alle anderen können sich gerne vorab auf ein mehr als bloß fragwürdiges Ende gefasst machen …

    Ab hier SPOILER!
    Entgegen dem, was die Trailer und TV-Spots behaupten, handelt Passengers nicht davon, dass ein Mann und eine Frau 90 Jahre vor Ankunft an ihrem Ziel auf einem Raumschiff aufwachen, während der Rest der Passagiere noch seinen das Altern ausbremsenden Schlaf hält. Stattdessen dreht sich der Beginn des Films um einen einzelnen Mann, dem diese Misere widerfährt. Chris Pratt spielt dies mit Galgenhumor, der in „Das Beste aus der Sache machen“-Spritzigkeit übergeht und dann Schritt für Schritt zu wahnhafter Einsamkeit wird.

    Als nach etwa einem Jahr dieses Wrack von einem Mann kurz davor steht, Selbstmord zu begehen, spielt er mit dem Gedanken, einen weiteren Passagier aufzuwecken – und ihm somit die vermeintlich sichere Zukunft auf einem noch 89 Reisejahre entfernten Planeten zu nehmen. Er hadert mit sich, was Pratt mit verletzten Hundeaugen und verlorenem Gesichtsausdruck darbietet, gibt letztlich aber nach, und reißt eine Journalistin aus ihrem künstlichen Schlummer – ohne ihr davon zu erzählen.

    Dass sich daraufhin zwischen den beiden Figuren eine neckische Dynamik entwickelt, ist vertretbar. Lawrence und Pratt holen mit ihrem komödiantischen Timing und dem im Mittelteil süffisant-zynisch-doppelbödigen Humor viel aus dieser Prämisse heraus. Und dass sich nach dieser in gewisser Weise einem Mord (auf Zeit) gleichkommenden Tat Passengersnicht auf Anhieb zum Psychothriller wandelt, kann wohlwollend als strukturelle Überraschung gesehen werden. Ähnlich eines Slasherfilms, der vor dem brutalen Finale durch Humor seine Figuren menschlicher macht.

    Dennoch muss diese den Film überschattende Tat auf langer Sicht Konsequenzen nach sich ziehen – und in der Skizzierung dieser wird Passengersendgültig vom glattgebügelten, aber kurzweiligen Blockbuster mit potentieller Sci-Fi-Psychokammerspiel-Prämisse zum Problemwerk. Nach allerlei süßlich-verspielten Liebesalbereien kommt das dunkle Geheimnis ans Licht. Von einer kurzen Montage abgesehen, in der Lawrence mit voller Inbrunst die Gefühle darbietet, die ihre Figur erfüllen, von Horror und Wut hin zu Abscheu, macht Tyldum ein RomCom-Missverständnis aus der Sache. Unsere füreinander bestimmten Helden liegen sich in den Haaren, aber eine freundliche Bildsprache, quirlige Hintergrundmusik und gewitzte Dialoge sowie gemeinsam überwundene Actionsequenzen führen sie nach dem Zoff schrittweise wieder zusammen!

    In den letzten Filmminuten entwirft Tyldum mehrere Szenarien, in denen das Karma wieder ausgeglichen werden könnte. Aber die zwar leicht erklärte, dennoch gravierende und grauenvolle Verzweiflungstat bleibt ungesühnt. Viel schlimmer: Sie wird als die einzig richtige Entscheidung geschildert, eine mit fruchtbaren, aus inniger Liebe entsprungenen Nachwirkungen.

    Es ist völlig akzeptabel, wenn Blockbuster-Figuren moralisch fragwürdig handeln und Plots ethische Fragen aufwerfen. Etwa: „Wie würdest du handeln, wenn du dein Leben retten und verbessern könntest, indem du die Pläne einer anderen Person zerstörst?“ Es müssen auch nicht einmal sämtliche unentschuldbaren Entscheidungen bestraft werden – Krimis, in denen der Mörder entkommt und Horrorfilme, in denen das Böse nur gehemmt, nicht aber bezwingt wird, sind nicht grundlos beliebt.

    Passengers gehört aber nicht zu diesen fies-grimmen Geschichten. Sondern ist die fröhlich dahingesäuselte, ohne jeglichen Funken der Subversion versehene Geschichte eines Mannes, der zum Selbstschutz und zur Bespaßung das Leben einer Frau zum Entgleisen bringt. Sie verlieben sich. Sie kommt hinter den Ursprung dieser Romanze, woraufhin die Frau nach kurzem Wutanfall erkennt, dass er den richtigen Riecher hatte und sich ihm willig hingibt. Munter-romantische Streicherklänge, Happy End für alle! Das wird Teilen des Publikums zurecht den Magen verdrehen – und andere naiv-ahnungslos ein Weltverständnis in den Kopf setzen, das es zu bekämpfen, statt zu bestätigen gilt.



  • Manchester by the Sea

    Hausmeister Lee Chandler (Casey Affleck) ist ein wortkarger Eigenbrötler, der stur seinen Weg geht. Eines Tages erhält Lee einen Anruf von einem Bekannten: Lees Bruder Joe (Kyle Chandler) erlitt einen Herzinfarkt. Noch bevor Lee im Krankenhaus ankommt, stirbt Joe an den Folgen seiner Herzattacke. Kurz darauf erfährt Lee, dass ihm die Aufgabe in die Hände fällt, die Vormundschaft für seinen Neffen Patrick (Lucas Hedges) zu übernehmen.

    Der 16-Jährige bemüht sich, im Angesicht der Tragödie Haltung zu bewahren, trotzdem lassen die ersten Zwists mit seinem Onkel nicht lange auf sich warten – selbst wenn Patrick Lee durchaus mag und eh mehr Zeit mit seinen zwei Freundinnen (Kara Hayward und Anna Baryshnikov) verbringt. Und dennoch: Es scheint so, als würde alles, zumindest den Umständen entsprechend, annehmbar laufen. Aber die Rückkehr in seine frühere Heimat, ein beschauliches Küstenstädtchen, nagt an Lees Nerven …

    Zwischenzeitlich plante Hollywood-Star Matt Damon, mit Manchester by the Sea sein Regiedebüt zu feiern. Schlussendlich übernahm dann jedoch Drehbuchautor Kenneth Lonergan die Regiepflichten, der schon 2000 mit You Can Count On Me eine stille, herzzerreißende Familiengeschichte inszenierte. Wie schon diese zweifach für den Oscar nominierte Geschichte, besticht auch Manchester by the Sea insbesondere mit den authentisch-komplexen Gefühlswelten der zentralen Figuren, die Lonergan sehr beiläufig und effizient einfängt.

    Lee hat dank der ersten Filmminuten schnell die Sympathien auf seiner Seite, obgleich er als schwierige Type gezeigt wird: Wie er augenrollend die seltsamen Forderungen und Fragen der Hausbewohner erduldet, hat bei aller Tristesse, die durch die grau-nassen Bilder und die plätschernde Erzählweise vermittelt wird, durchaus spröden Witz an sich. Genauso provoziert Afflecks stoische Einsamer-Wolf-Masche in ihrer eingangs unbeirrbaren Penetranz immer wieder aufmunternde Schmunzler.

    Im Zusammenspiel zwischen Afflecks dauergeknicktem Lee und dem schwer pubertierenden Möchtegernweiberhelden Patrick, den Lucas Hedges mit facettenreicher Lebendigkeit darbietet, entsteht zusätzliche, unaufdringlich-trockene komödiantische Reibung. Diese dient in Lonergans atmosphärisch küstennebelsprödem Drama als das menschelnde Fundament einer einsichtsreichen, niemals effekthascherischen Charakterskizze: Lee lebt im ständigen Kampf mit seinen niederschmetternden Erinnerungen daran, was einst in seinem Heimatort geschehen ist. Da er sich zumindest oberflächlich in eine funktionale Apathie gerettet hat, bleiben emotionale Ausbrüche und forcierte Streitgespräche aus.

    Stattdessen manövriert er sich mit dem beständigen Tuckern eines Kleinbootes durch den Wellengang seiner Gefühle – und Lonergans Film folgt seinem Protagonisten: Ruhiger Alltagswitz, kontrollierte Verzweiflung, streng hinterfragter Optimismus und viel, viel alternativlose Gleichgültigkeit. Dank Afflecks unangestrengtem, aber aussagekräftigem Spiel, kurzen Gänsehautauftritten von Michelle Williams als Lees Ex-Frau und der sich konsequent entfaltenden Erzählung, wie Lee und Patrick mit ihrer Lage umgehen, wird dies nie langweilig. Nur einige wenige der frühen Rückblenden hätte es nicht gebraucht, da sie bereits markant angedeutete Dinge bloß nochmal aufbringen.

    Innerhalb von 138 Minuten macht Lonergan sein Publikum somit zu einem mehr und mehr Verständnis aufbringenden, daher immer emotionaler in diese Familienangelegenheit involvierten Betrachter. Am Ende dieser genau beobachteten, filigran erzählten Geschichte wird kaum wer auch nur einen Deut schlauer sein. Manchester by the Sea entwirft weder eine mondäne, noch eine intellektuell anspruchsvolle Geschichte. Was dieses Drama jedoch tut? Es bereichert sein Publikum um ein vielschichtige, glaubwürdig-offene sowie emotionale Erfahrung, die hängen bleibt.

    Fazit: Großartige Performances und eine gemächliche, feingliedrige Erzählung: Manchester by the Sea ist ein Drama mit überraschender Humornote und Figuren, deren berührendes Schicksal lange nachhallt.



  • Die irre Heldentour des Billy Lynn

    Ang Lees gesellschaftskritisches, dezent humoriges Drama Die irre Heldentour des Billy Lynn ist ein kurioser Fall. Im Laufe dieser Geschichte über eine fiktive Footballspiel-Halbzeitshow, in der ein frei erfundener Kriegsheld eines realen militärischen Konflikts zelebriert wird, heißt es, dass Hollywood damit liebäugle, die Heldentaten des wortkargen Soldaten verfilmen zu wollen. Jedoch müsse der in George W. Bushs Irakkrieg dienende junge Erwachsene schnell einen Deal abschließen. Denn das Publikum verfüge nur über ein kurzes Erinnerungsvermögen.

    Es ist irgendwo zwischen Poesie und bitterer Ironie zu verordnen, wie sehr sich diese Aussage am Exempel von Die irre Heldentour des Billy Lynnbewahrheitet. Denn stückweise ist die Adaption eines Ben-Fountain-Romans durchaus bemerkenswert. So ist die Struktur des Films einprägsam: Life of Pi-Regisseur Ang Lee und Kameramann John Toll verfolgen in semidokumentarischen, gestochen scharfen Bildern den Titelhelden Billy Lynn auf Schritt und Tritt.

    Es ist fast so, als sei man Lynns stummer Kompaniekamerad, der sich ihm unbemerkt an die Fersen heftet, um mitzuerleben, wie Lynn bei seiner Heimkehr von seiner Familie begrüßt wird und wie er gemeinsam mit dem Rest seiner Truppe ohne größere Vorwarnungen in die Halbzeitshow einer wichtigen Footballpartie eingebunden wird. Die nüchternen Beobachtungen, wie Passanten anno 2004 in den Vereinigten Staaten auf ihre Soldaten reagieren und wie sich die auf kurzem Heimurlaub befindlichen Jungs geben, werden durch Rückblenden auf Billy Lynns Zeit im Irak aufgebrochen.

    So ergänzen sich Erinnerungen und deren Folgen, gegenwärtiges Handeln und die Taten, die zur jetzigen Situation führten, stimmig zu einem unaufgeregten, detailreichen Gesamtbild. Das von Jean-Christophe Castelli verfasste Drehbuch ist fein beobachtet, konsequenterweise sind die gesellschaftskritischen Aspekte des Films keine reine Plattitüden, sondern ausgewogen. Die irre Heldentour des Billy Lynn lässt keinen Zweifel am Unrecht des Irakkrieges und mahnt entsprechend vor Kriegspropaganda – und auch das Bild der ungestümen Alphamännchen in Uniform wird wiederholt gezeichnet. Gleichwohl zeigt Regisseur Ang Lee große Empathie für seinen Protagonisten und mehrere seiner Kameraden, die sich aus den unterschiedlichsten Gründen zur Armee gemeldet haben – um kleine Fehltaten vergessen zu machen, um ihre Familie zu versorgen, um Leuten zu helfen, ohne vorher zu ahnen, wie sehr Andere diese Hilfe kaputt machen werden. Und Kriegsfilme? Naja, die spülen armen Soldaten, die der Staat gerne vergisst, sobald sie unpraktisch werden, wenigstens etwas Geld zu …

    Eine grau-graue Weltsicht mit wenigen tiefschwarzen, schwer zu verurteilenden Randerscheinungen und ebenso wenigen, hell scheinenden Beispielen des tragischen, aber strahlenden Heroismus: Billy Lynns irre Heldentour eröffnet zwar keine neuen Erkenntnisse, macht sie aber dank der originellen Präsentation auf ungewöhnliche Form spürbar. Dabei hilft auch der lakonische Humor – etwa, wenn Lee süffisant die Doppelzüngigkeit vorzeigt, mit der die USA ihren Kriegshelden begegnen oder wenn der Regisseur mit jeder Menge Spektakel vorführt, wie absurd feierliche Events zu Ehren von Militärhelden sind. Obendrein bekommt Tron: Legacy-Hauptdarsteller Garrett Hedlund mehrere Schmunzler zugeschustert: Als Sgt. Dime übernimmt er auf augenzwinkernd-übertriebene Weise den Part des taffen, keinerlei Sentimentalität duldenden Vorgesetzten, der eine eher machohafte Sicht der Dinge hat – wenn er nicht gerade spitzbübisch Zivilisten verschaukelt. Gelegentlich lässt er auch seine einsichtsreiche und nachdenkliche Seite aufblitzen, womit er die rundeste Figur dieses Films ist.

    Neben Hedlund fallen sonst vor allem Chris Tucker (humorvoll, aber längst nicht so grell wie in seinen früheren Rollen) und Kristen Stewart als Billy Lynns liberale, desillusionierte, fürsorgliche, etwas direkte Schwester auf. Joe Alwyn hingegen ist solide, aber (was auch dem Drehbuch zuzuschreiben ist) recht blutarm in der Hauptrolle. Was uns allmählich zu den Stolperschwellen dieser Heldentour führt – trotz all dieser Elemente ist Ang Lees Produktion insgesamt betrachtet keinesfalls denkwürdig. So, wie im Film beschrien, droht Billys Story zu einem Nichts zu verpuffen. Es bleibt einfach kaum etwas haften von diesen zwei Stunden in den Schuhen eines Irakkriegsveteranen. Die Rückblenden auf die Zeit im Irak? Blass, lasch, und durch den sich zwar bemühenden, aber fehlbesetzten Vin Diesel als hobbyphilosophischer Sergeant recht klischeehaft. Und auch die eigentliche Handlung lässt einfach Pepp vermissen, ein gewisses Etwas, das aus dem theoretischen Widerhaken der Story („Wird Billy Lynn beantragen, nicht in den Irak zurückkehren zu müssen?") eine spürbare Dringlichkeit macht.

    Stattdessen experimentiert Lee halbseiden mit der Vermittlung seiner Filmbilder: Gelegentlich driftet Lee aus der semidokumentarischen Ästhetik ab, hin zum Erzählen aus direkter Egoperspektive. Wenn die Kamera das Kinopublikum jedoch wortwörtlich in Billy Lynns Position versetzt, bricht die Illusion zusammen: Sein Gegenüber ist stets zu nah, zu akkurat drapiert und mit zu hoher Zielstrebigkeit auf ihn fokussiert, als dass es sich nicht echt anfühlt. Es gleicht eher einer Egoshooter-Zwischensequenz – also dem Gegenteil dessen, was dem Tonfall dieser geknickten Heldentour zugutekäme. Obwohl Lee nur eine Handvoll solcher Einstellungen verwendet, zieht ihre Wirkung große Kreise: Diese so glaubhafte, bodenständige, unspektakuläre Erzählung mit ihren plausiblen Kommentaren zum Irakkrieg (und Militärhandlungen sowie -feiern generell) kommt letztlich falsch und gekünstelt daher, so dass sie eher fluffig, denn dramatisch wirkt.

    Fazit: Gute Einzelaspekte machen nicht immer einen guten Film: Ang Lees Drama über den Umgang mit und die Gedankenwelt von Kriegsveteranen hat reizvolle Ansätze, verpufft aber ohne denkwürdigen roten Faden. Für Lee-Komplettisten und alle, die das Thema fasziniert, dennoch ein solider Film.



  • Verborgene Schönheit


    Jeder Plot hat eine Daseinsberechtigung. Jede Geschichte ist erzählenswert. Sie muss nur in einem angemessenen Kontext erzählt werden. Und selbstredend kommt es auf die Umsetzung an. Struktur, Tonfall, handwerkliches Können und künstlerischer Einfallsreichtum – diese Elemente prägen eine Geschichte viel stärker als der rudimentäre Plot. Selbstredend steckt in manchen Plots ein größeres, stärkeres Potential. Eine aus sich heraus strahlende, sich nahezu sofort aufdrängende Herangehensweise, die frisch und fesselnd erscheint. Der Plot von Verborgene Schönheit ist haarsträubend – und kann daher als Saatkorn für einen fiesen, feinen Film herhalten, der eine ungewöhnliche Story erzählt. Per se lassen sich die folgenden Zeilen also irgendwo zwischen neutral und reizvoll einordnen:

    Die Werbefachleute Whit Yardshaw (Edward Norton), Claire Wilson (Kate Winslet) und Simon Scott (Michael Peña) bangen um die Zukunft ihrer Firma: Ihr bester Freund und Vorgesetzter, Howard Inlet (Will Smith), ist seit dem Tod seiner Tochter vor wenigen Jahren depressiv, ja, nahezu katatonisch. Er weigert sich, zu reden, zu arbeiten oder mehr als das Nötigste zu essen. Um ihre finanzielle Zukunft abzusichern, wollen sie ein letztes großes Geschäft abschließen, bräuchten dafür jedoch eigentlich Howards Unterschrift. Da dieser aber weiterhin apathisch durch den Tag stapft, beschließen sie, die drei Laiendarsteller Amy (Keira Knightley), Raffi (Jacob Latimore) und Brigitte (Helen Mirren) anzuheuern. Sie sollen Howard gegenüber die Verkörperungen der Liebe, der Zeit und des Todes spielen und ihn so in den Wahnsinn treiben, damit er endlich als unzurechnungsfähig attestiert wird und Whit, Claire sowie Simon die Geschicke der Firma ohne ihn leiten können.

    Daraus ließe sich nach der Schule des ersten Kill the Boss-Teils eine schwarze Komödie spinnen. Oder ein Thriller, der zu ähnlich großen Teilen aus der Sicht des Opfers und der Täter erzählt wird – eine Art Gaslicht oder Das Haus der Lady Alquist fürs Jetzt. Oder ein beklemmender Mystery-/Psychothriller aus der Sicht des Opfers – inklusive gemeinem Plottwist, der dessen beste Freunde als Strippenzieher enttarnt.

    Stattdessen ist Verborgene Schönheit ein noch krasserer Fall narrativer, tonaler und inszenatorischer Fehlgriffe als die kurz zuvor veröffentlichte Sci-Fi-Liebesgeschichte Passengers, in der moralische Kurzschlussentscheidungen auf kitschigste, konventionellste Weise romantisiert werden. Allan Loebs Drehbuch platzt förmlich vor Glückskeksweisheiten und Kalendersprüchen, die Komponist Theodore Shapiro (Trumbo) mit durchaus wunderschönen, allerdings somit drastisch fehlleitenden Melodien untermalt. Knightley, Mirren und Latimore bieten diese Kitschphrasen in einem konsequent abgedroschenen Tonfall und mit weit aufgerissenen, staunenden Augen feil – und auch SPECTRE-Nebendarstellerin Naomie Harris muss als Trauerbegleiterin durchweg einen anbiedernd-belehrend-entzückten Singsang von sich geben.

    Will Smith wiederum spielt sich in den ersten vier Fünfteln des Films die Seele aus dem Leib – und das so sehr, dass er die hauchdünne Schicht an ehrlicher Emotionalität in dieser cineastischen Geschmacklosigkeit zum Zerreißen bringt. Wenn er als Howard mit verquollenen Augen und steinerner Miene in einem Gefühlsmix aus Wut und Trauer Dominosteine aufbaut oder Fahrrad fährt, agiert Smith so aufgesetzt und gewollt, dass es förmlich von der Leinwand runterbrüllt: „GEBT MIR ENDLICH DEN VERDAMMTEN OSCAR! BITTE!!!!!!!!!!!!“ Im letzten Fünftel hingegen rutscht Smith schlagartig in den Kamillentee-und-Seelenbalsam-Tonfall seiner Kollegen ab – damit auch ja niemand aufgewühlt den Saal verlässt.

    Kamerafrau Maryse Alberti (The Wrestler) kann mit ihren stimmig ausgeleuchteten Bildern leider nicht David Frankels Regieführung aushebeln. Der Regisseur solch deutlich gelungener Filme wie Marley & Ichund Der Teufel trägt Prada setzt den Stoff wie eine weihnachtliche, pseudophilosophische Spezialfolge einer 80er- oder 90er-Jahre-Sitcom um – inklusive mit im Kino versackenden Lachpausen, wann immer eine der Figuren einen schlagfertigen Spruch von sich gibt. Doch abgesehen von wenigen perfekt getimten, staubtrockenen Kommentaren Helen Mirrens oder der dauerverzweifelt agierenden Keira Knightley gibt es in Verborgene Schönheit nichts zum Lachen:

    Die Dialoge und der generelle Tonfall sind zu verkitscht-zuckrig, um den potentiell schwarzhumorigen Kern würdigen zu können. Im Gegenzug sind die Absichten von Howards Freunden zu abgebrüht, als dass sich dieser Story irgendetwas Inspirierendes abgewinnen ließe. Verborgene Schönheitist der noch hässlichere, noch stärker missratene und moralisch fragwürdigere junge Bruder des ebenfalls schon überaus kritischen Will-Smith-Pathosdramas Sieben Leben.

    Fazit: Eine Story, die in diversen Genres funktionieren könnte, doch niemals als inspirierend-philosophische Dramödie, wird mit nichtigen Alltagsweisheiten bespickt als ungeheuerlich bemühte, inspirierend-philosophische Dramödie ins Kino entlassen. Um die hier verborgene Schönheit zu finden, braucht es ein Hochleistungsmikroskop.



  • Meine 50 Lieblingsfilme des Jahres 2018 (Teil V)
    Vier hin, ein finaler Teil noch im Sinn: Lang habe ich euch warten lassen, aber nun sind wir endlich angekommen, in den Top Ten meiner Lieblingsfilme aus dem Jahr 2018. Aber ehe ich euch sage, welche Produktionen mein Filmfanherzen am meisten haben springen lassen spann ich euch noch ein letztes Mal mit Ehrennennungen auf die Folter: Da wäre der schön gespielte Die Farbe des Horizonts, in dem Sam Claflin und Shailene Woodley einen Mix aus realem Survivalabenteuer und Romanze erleben, die sehr knuffige übernatürliche Jugendromanze Letztendlich sind wir dem Universum egal, der unerwartet geradlinig ausgespielte Weltkriegs-Zombie-Actionhorror Operation Overlord, der gewitzte Streitfilm Der Vorname, das vielschichtige Gruseldrama Suspiria und der visuell beeindruckende, mit Metawitz aufwartende und inklusive, in der Action jedoch ermüdende und strukturell teilweise dann eben doch ins klischeehafte Schema F fallende und daher in meinen Augen nicht an den Hype heranreichende Spider-Man - A New Universe, der trotzdem mein liebster Animationsfilm 2018 ist. Tja. Eine Jahreslieblingsliste von mir, ganz ohne Animationsfilm. Schade. Aber 2018 hat mich kein Animationsfilm so richtig bezirzt. Umso mehr haben mich aber diese Filme in Verzückung versetzt:

    Platz 10: Greatest Showman (Regie: Michael Gracey)

    Greatest Showman fühlt sich an wie die zusammengestutzte, keinerlei Ruhe findende, auf die Höhepunkte reduzierte Videofassung eines Roadshow-Musicalfilms der 60er- oder 70er-Jahre an, die aus einem ausschweifenden Drei-Stunden-Klopper eine knackige 95-minütigen Wucht aus Musik und Kostümen formt. Eine sonderbare Feststellung, aber sie ist in diesem sehr spezifischen Fall vollauf aus Kompliment gemeint: Hugh Jackmans Passionsprojekt besteht allein aus Hits, aus Wendemomenten und aus ansteckender Spielfreude. Füllmaterial blieb durch und durch auf der Strecke, und wie der Film seine Stellung zur problematischen realen Person P.T. Barnum in einem Rausch aus Klang und Farbe zirkusmäßig und mit Showmanship verdreht, finde ich auf einer Metaebene sehr pfiffig. Der Film kommentiert diese Wendehalsmentalität ja sogar - und so bleibt geballtes Entertainment über.

    Platz 9: Schneeflöckchen (Regie: Adolfo J. Kolmerer und William James)

    Deutsches Kino, mal ganz anders: Schneeflöckchen ist ein dystopisch angehauchtes, pulpiges Rache-Metamärchen mit einer Geschichte in der Geschichte, einem poetischen Blutbad, albernem Humor, geistreichem Witz, flotter Situationskomik, durchgeknallten Situationen und dreckiger Action. Ein Film, wie es ihn im deutschen Filmbetrieb eigentlich nicht geben könnte, doch wundervoller und wundersamer Weise gibt es ihn! Geile Sache!

    Platz 8: Zombies - Das Musical (Regie: Paul Hoen)

    Ganz egal, ob man den Film nun als Disney Zombies, Z-O-M-B-I-E-S oder Zombies - Das Musical kennt: Dieser irre pastellfarbene, Retro-Ästhetik mit Industrial Chic und Dubstep-Elementen vereinende Fiebertraum von einem Disney Channel Original Movie ist der (vorläufige?) Höhepunkt in einer über ein Jahrzehnt andauernden Mutation der Disney-Fernsehfilmware. Seit High School Musical wird die Tonalität der Disney-Channel-Exklusivfilme campiger und campiger, und Zombies - Das Musical ist der denkwürdigste Beweis dafür, dass die Leute im Disney Channel anderes Wasser trinken als der Rest des Disney-Konzerns. Freundliche, aber von Vorurteilen und institutionalisierten Ungerechtigkeiten unterdrückte Zombies und gleichgeschaltete Heile-Welt-Grinsebacken gehen erstmals gemeinsam auf die selbe Schule, wo sich eine Standesgrenzen übergreifende Liebe anbahnt. Mit feistem, ironischem Lächeln im Gesicht, wonnig-amüsierten, campigen Songs, einer goldigen Meg Donnelly als Cheerleader mit Geheimnis und einem schlacksig-charmanten Milo Manheim als Zombie, der mit kleinen Schritten einen gesellschaftlichen Wandel voranbringen will, ist diese Disney-Fernsehproduktion wissentlich-albern, und dennoch ist sie mit respektabler Überzeugung umgesetzt. Schräg, niedlich, sonderbar, wunderbar!



    Poppige Klänge treffen Old-School-Musical-Naivität, Paul Hoen inszeniert wie ein Kenny Ortega, dem keinerlei Grenzen gesetzt werden, und es ist alles einfach so entzückend-zuckersüß-durchgeknallt! Ich liebe es und komm beim Gucken aus dem glücklichen Grinsen nicht mehr raus! Wenn ihr mich fragt: Das hier ist ein Glanzstück im modernen Disney-Schaffen, und das kann mir niemand ausreden!

    Platz 7: BlacKkKlansman (Regie: Spike Lee)

    Kommen wir von einem Film, in dem eine Rassenunruhe zu Gunsten eines feierlichen Tanzwettbewerbs mit aussöhnender Botschaft ausgesetzt wird, zu einem Film, den ich liebend gern auf einem Filmfestival im Double Feature mit Zombies - Das Musical programmieren würde, einfach nur, um meinen Schabernack mit dem Verstand des Publikums zu treiben. Denn was im Disney Channel noch putzig und mit gemäßigten Gefühlen sowie verqueren Analogien abläuft, gestaltet sich bei Spike Lee schon erschreckender, wirklichkeitsnaher, verständnisloser und zorniger: Regie- und Autoren-Legende Spike Lee haut mit dieser satirischen Kriminal-Thrillerdramödie ihren besten Film seit vielen Jahren raus und zeigt in BlacKkKlansman auf, wie tief verwurzelt Hass und Intoleranz in der US-Gesellschaft sind, wie schwer sie zu besiegen sind und dass sich in intoleranten Mobs noch so viele Dorftölpel befinden können: Sie bestehen auch aus verbitterten, stoischen Kämpfern und eiskalt berechnenden Demagogen sowie Populisten, was eine abartig gefährliche Mischung ergibt. Lee packt dieses Thema über die unglaubliche, irrwitzige Geschichte eines Schwarzen und eines Juden an, die den Ku Klux Klan unterwandern, würzt sie mit Situationskomik, Absurdität und satirischen Biss, mischt cineastische Kunstgriffe und Filmhistorienkritik darunter und verpasst dem ganzen dann noch ein Finale, bei dem es einem die Kehle zuschnürt. Sensationell.

    Platz 6: 303 (Regie: Hans Weingartner)

    Innerhalb weniger Minuten nachdem in der Pressevorführung das Licht aus- und der Projektor anging, habe ich gemerkt, dass ich mich in diesen Film verlieben werde. Und dieses Gefühl sollte sich nicht trügen: Regisseur/Autor Hans Weingartner und seine Ko-Autorin Silke Eggert haben in diesem Gesprächsfilm zwei sympathische, redselige Figuren erschaffen, denen wir während einer in dieser Form nicht geplanten Europareise zuschauen dürfen. 145 Minuten lang lernen wir Jule und Jan kennen, während sie diskutieren, zanken, sich necken, sich trösten und der Studierendenphilosophie frönen. Mit unwiderstehlichem Charisma und feinen mimischen Nuancen tragen Mala Emde und Anton Spieker diesen Film auf ihren Schultern und lassen uns an ihren Lippen kleben, während sie Weingartners und Eggerts ausgefeilte Dialoge von sich geben - und ich muss sagen: Ich hätte ihnen nochmal 145 Minuten lang zuhören können.

    Platz 5: I, Tonya (Regie: Craig Gillespie)

    Einmal Biopic in die Fresse, bitte! Craig Gillespie leiht sich ein paar Seiten aus dem The Big Short/American Animals-Regelbuch für Verfilmungen wahrer Begebenheiten und pfeffert uns eine laute, knallige, wütende, ratlose und bei all dem in ihren Zwischentönen noch immer sensible Auseinandersetzung mit der berühmten, der berüchtigten Eiskunstläuferin Tonya Harding um die Ohren. Die asthmatische, unangepasste, verbissen kämpfende, aus sozialschwachen Verhältnissen kommende Rockerin in ihrem Metier erfüllte alle Bedingungen für eine Aschenputtel-Geschichte - nur, dass sie den eingeschworenen Entscheidungsträgern im Eiskunstlauf zu unelegant, zu sorgenbelastet war. Allen Hindernissen zum Trotz kämpfte sie sich zu einigen Ehren im Sport ihrer Wahl durch - und doch ist sie für alle Zeiten vor allem für die Brecheisenattacke auf ihre Mitbewerberin Nancy Kerrigan bekannt. Wie widersprüchlich die Berichte über diesen Vorfall (und Hardings Leben generell) sind, führen Gillespie und Drehbuchautor Steven Rogers mit rotziger Attitüde vor, sie bürsten den Film so, dass er zu Hardings Persona passt. Und dennoch lassen sie Raum für Einfühlungsvermögen, geben der von Margot Robbie mit immenser Leinwandpräsenz und emotionaler Komplexität gespielten Harding die Chance, in einem stillen, nachhallenden Moment, den Medien einen Spiegel vorzuhalten. Spaßig, knallig und mit satirisch-dramatischer Raffinesse - I, Tonya rockt!

    Platz 4: Climax (Regie: Gaspar Noé)

    Mehr als 20 Menschen. Eine Turnhalle. Die letzte Probe vor der großen Tanztournee. Eine ausgelassene Feier. Sangria. LSD. Chaos bricht aus. Flackernde Lichter. Elektrisierende Musik. Streit. Panik. Eine Filmerfahrung mit immenser Sogkraft. Ein farbintensiver Rausch aus Klang und Bewegung, aus Elan, Wut und Furcht. Climax ist ein drogeninduzierter, zerstörerisch-vitaler Tanz hinein in tiefe Seelenabgründe. Ein diabolisch-sündhaftes Sehvergnügen.

    Platz 3: Assassination Nation (Regie: Sam Levinson)

    Wenige Augenblicke nach Beginn von Assassination Nation spricht Protagonistin Lily mehrere Trigger-Warnungen aus. Die Tonspur piepst und pfeift. In riesigen Lettern pfeffert uns Regisseur Sam Levinson in rapider Abfolge entgegen, was in den kommenden Filmminuten auf uns zukommt. Frauenhass. Mord. Versuchter Mord. Versuchte Vergewaltigung. Transphobie. Mickrige Männeregos. In Supernahaufnahmen zeigt Levinson, wovor er uns warnt. All dies eingebettet in einen rotzigen, genervten, aber kernig-charmanten Erzählkommentar. Von diesem Moment an wusste ich, dass Assassination Nation das Zeug dazu hat, ganz, ganz weit vorne in meinen Jahrescharts mitzuspielen. Und er hat abgeliefert: In stylischen Bildern und von markiger Musik begleitet, erzählt Assassination Nation von vier jugendlichen Freundinnen, die ein typisches Millennialleben leben. Sie werden von bigotten Vorstellungen ihrer Elterngeneration ausgebremst. Sie chatten, texten, sexten und streamen. Sie hinterfragen. Sie werden vorverurteilt, am laufenden Band. Aber sie machen sich ihr Leben schon schön. Jedenfalls, bis eine Welle an brisanten Leaks ihr Heimatdorf zum Kochen bringt. Assassination Nation ist ein messerscharf beobachtetes Porträt einer Teilgeneration, das sich ihr stilistisch vollauf hingibt – und nach und nach zu einer zornigen Satire wird, die oberflächlich die gefährlichen Tendenzen der sozialen Netzwerke auseinandernimmt. Aber das wahre Ziel dieser Satire ist die Doppelmoral der Vorgängergenerationen. Dieser filmische Ritt argumentiert komplex sowie intensiv – und stellt seinem jungen Publikum den Benzinkanister sowie eine Packung Streichhölzer hin. Doppelzünger des Westens, fürchtet euch!

    Platz 2: Avengers | Infinity War (Regie: Anthony & Joe Russo)

    Marvel Studios, die ewige Brautjungfer in meinen Jahrescharts. 2014 war ich nach der Sichtung von The Return of the First Avenger sicher, dass es mein Lieblingsfilm des Jahres sein wird. Dann kam Gone Girl und zog am Actionthriller der Russo-Brüder vorbei. 2016 legten die Russos den nicht minder gelungenen The First Avenger: Civil War nach, erneut war ich felsenfest davon überzeugt, dass es mein Favorit des Jahres ist und bleiben wird. Aber dann sah ich Ghostbusters - Answer the Call und war hin und weg. 2018 veröffentlichte Marvel Avengers | Infinity War, seinen bis dato monumentalsten Film. Ein Glanzstück des fesselnden Pacings, der minutiös strukturierten Actionnarrative, die starre Grundregeln aushebelt und andere Konventionen andeutet, um die Erwartungshaltung des Publikums listig zu lenken. Avengers | Infinity War ist zu gleichen Teilen ein bombastischer Katastrophenfilm im Comicgewand und ein filmgewordenes Rockkonzert der Superheldenaction. Ein gigantisches Figurenensemble spielt die Hits - und gleichwohl sehen wir eine diverse, eklektische Heldensammlung, wie sie mit aller Macht ein drohendes Unheil abzuwenden versucht. Das Ergebnis: Ein atemberaubendes Filmevent, dessen filmschaffendes Geschick deutlich größer ist, als es viele einem solchen Effektspektakel anzuerkennen gewillt sind. Und ich frage mich: Wenn schon Avengers | Infinity War nicht Gold für Marvel holt, werde ich jemals einen Marvel-Film bis zur Eins durchwinken - oder haben wir den Zenit erreicht?

    Platz 1: Anna und die Apokalypse (Regie: John McPhail)

    Wunderschöne Lieder. Liebenswerte Figuren. Fesches Augenzwinkern. Emotionale Ehrlichkeit. Rohe, sinnlose, cartoonig-überzogene Gewalt. Anna und die Apokalypse ist ein bloody good musical, wie für mich geschaffen! Dieser schottische Genremischmasch hat Herz und eine feine Einfachheit an sich. Es macht derbe viel Spaß. Und es ist dennoch kein ironischer Trash, sondern ein vollauf passioniertes, vergnügtes High-School-Weihnachtsmusical. Das halt während der Zombieapokalypse spielt und seine vielfältige Auswahl an eingängigen Songs zwischen Teenagersorgen und Zombiespaßsplatter parkt. Irre, individuell, genau mein Ding.

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